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I han, i hau, i heb

Forscher kartieren Südwest-Dialekte – Sprechender Sprachatlas im Internet – Tübinger Wissenschaftler befragen Mundartsprecher

Für die Pflanze Löwenzahn kennt man in bald jedem Dorf in Baden-Württemberg einen anderen Namen. Ein paar Kostproben: Gackelesbusch, Bettbrunzer, Rossblume, Saustock. Andere sagen Gänsekragen oder Milcherling. 19 Varianten haben Sprachwissenschaftler der Universität Tübingen um Hubert Klausmann gezählt. Die Forscher haben 57 Dialektsprecher im ganzen Bundesland besucht. Die Aufnahmen sind regional geordnet und aufgearbeitet im Internet abrufbar im ersten sogenannten sprechenden Sprachatlas für ganz Baden-Württemberg.
Das Durchklicken ist amüsant: Die Pfütze ist in weiten Teilen Baden-Württembergs eine „Wasserlach“, im Kraichgau aber eine „Sutte“. Der Schluckauf wird je nach Region Hickser, Schluckser, Glukser oder Häcker genannt. Für Marmelade ist das Wort Gsälz weit verbreitet, es gibt aber auch andere Varianten, zum Beispiel Guts oder Schleck. Auch Grammatik haben die Forscher untersucht. I han, i hau, i heb – alles das gleiche, je nachdem, wo man danach fragt: ich habe. Der Förderverein Schwäbischer Dialekt, der das Projekt unterstützt hat, ist begeistert vom Ergebnis.
Die Forscher von der Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland/Arno-Ruoff-Archiv ha­ben den Mundartsprechern 200 Fragen gestellt – unter anderem zu den Bereichen Mensch, Natur, Gesellschaft, Landwirtschaft. Der sprechende Sprachatlas Bayern war den Tübingern Vorbild. Die Bayern sind bei den Dialektatlanten laut Klausmann führend in Deutschland. Ein wissenschaftlicher Sprachatlas für den Norden Baden-Württembergs entsteht derzeit, der Süden wurde schon vor 30 bis 40 Jahren erforscht. Das Internetangebot ist laut Klausmann das „Best of“ und für Laien gedacht. Den Forschern dient das Projekt dazu, den Status quo des gesprochenen Dialekts zu erfassen und künftige Veränderungen durch einen Abgleich zu erkennen.
„Es gibt Gegenden, da ist der Dialekt fast verloren“, sagt Klausmann. Das gelte zum Beispiel für Pendlerstädte, die früher 800 Einwohner hatten und heute 10 000 haben, und für Dörfer, die in Großstädten wie Stuttgart, Freiburg oder Karlsruhe untergegangen sind. „Da hat Dialekt keine Chance.“ Bestens überlebt er aber zum Beispiel in Weingegenden, weil die Winzer kein Land verkaufen, sondern es an die nächsten Generationen weitergeben. Die Einwohnerschaft ist stabil. Aber auch da gilt: „Der Ortsdialekt wird vielfach nur noch nach der Arbeit, unter Freunden oder in der Familie gesprochen.“ Bei der Arbeit muss oft Standardsprache oder Englisch benutzt werden.
Dialekt zu sprechen, gelte als minderwertig und bäuerlich, sagt der Sprachwissenschaftler Ralf Knöbl vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. „Auch Schwäbisch hat ein Prestigeproblem, außerhalb, aber auch bei den Sprechern selbst.“ Trotzdem überlebe der Dialekt im deutschen Südwesten relativ gut, weil es möglich sei, eine Mischung aus Standardsprache und Schwäbisch zu sprechen. Im Unterschied dazu sei beispielsweise Platt eine andere Sprache mit anderen Wörtern, die nicht mit Standardsprache gemischt werden kann und in der junge Menschen keinen Nutzen mehr sehen.
Während der Süden bereits erforscht war, war der Norden Baden-Württembergs für die Forscher noch Neuland. Klausmann, der am Kaiserstuhl mit dem alemannischen Dialekt aufgewachsen ist und in Bayreuth sowie in Vorarlberg gearbeitet hat, berichtet lachend von der Überraschung, dass im Hohenlohischen Ei „Gaggelich“ genannt wird. Bei Würzburg wiederum hat er die für Baden-Württemberg ungewöhnliche Form „ich möcht’ schlaff“ für „ich möchte schlafen“ gehört.
Klausmann ist von Sprache und ihren wundersamen Blüten fasziniert. Die Dialektkarten sind für ihn viel mehr als ein Kuriosum, Klausmann kann zum Beispiel Siedlungsgeschichte daraus ablesen. Beispielsweise der römische Grenzwall Limes sei für Sprache eine Grenze gewesen, die bis heute im Dialekt nachzuweisen ist.
Sprachgrenzen sind dennoch nicht in Stein gemeißelt, sie verschieben sich, und auch der Wortschatz verändert sich mit dem Leben der Menschen. Bevor Begriffe untergehen, weil sie nicht mehr gebraucht werden, geistern sie laut Klausmann oft noch als Schimpfwort herum. Beispielsweise Mähre sei früher eine gängige Bezeichnung für Pferd gewesen – als Schindmähre ist sie zur wüsten Beschimpfung geworden. Ein letztes Aufbäumen, bevor ihr Untergang bevorsteht. 
Lena Müssigmann / Foto: dpa

Info: www.wiso.uni-tuebingen.de

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