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Was textile Fasern alles können

Ob „smarte“ Kleidung, Medizintechnik oder Baustoffe: Bei den DITF in Denkendorf wird dazu geforscht – Die Natur als Vorbild

Die Deutschen Institute für Textil- und Faserforschung (DITF) in Denkendorf haben ihren Teil zum Erfolg der deutschen Olympioniken beigetragen: Sowohl die heizbaren Hosen der Skiläufer in Pyeongchang als auch das Trägermaterial fürs Messsystem, das unter anderem Eiskunstläuferin Aljona Savchenko getestet hat, sind mit DITF-Beteiligung entwickelt worden. Seit beinahe 100 Jahren forschen die Institute zu allen wichtigen Themen rund um Textil und Faser. Dabei geht es weniger um Kleidung als um medizinische Produkte, Leichtbaustoffe, Umwelttechnik und „intelligente“ Textilien.
Wer durchs Körschtal fährt, kommt unweigerlich an den Gebäuden der DITF vorbei. Sie sind Europas größte Textilforschungseinrichtung, weltweit ist diese die einzige ihrer Art, die vom Molekül bis zum Endprodukt alle Stufen abdeckt. Allerdings nur, was die Forschung betrifft – auf den Markt bringen muss das jeweilige Produkt dann ein Wirtschaftsunternehmen. „Wir forschen für die Firmen“, sagt Sabine Keller. Die Pressesprecherin der DITF meint damit in erster Linie den Mittelstand, der sich keine eigenen, großen Forschungsabteilungen leisten kann. Darüber hinaus stellt das DITF-Tochterunternehmen ITV Denkendorf Produktservice medizinische „Vorprodukte“ für Industriepartner her.
Dass der Nutzen weit über den wirtschaftlichen hinausgeht, zeigt anschaulich der Bereich Medizintechnik. So haben die Denkendorfer zusammen mit dem Stuttgarter Marienhospital eine Wundauflage für Verbrennungen entwickelt: Die dünne Membran dient als synthetischer Hautersatz, muss nicht gewechselt werden und löst sich beim Heilungsprozess schrittweise auf – eine riesige Verbesserung bei der Behandlung von großflächigen Verbrennungen. Im vergangenen Jahr ausgezeichnet wurde ein textiles Implantat, das bei Bandscheibenvorfällen den Defekt von innen verschließt. Ebenso gehören verschiedene Implantate, vom Ersatz-Meniskus aus Vlies bis zum Stent, zum medizinischen Bereich, oder auch Textilien, die durch die gezielte Abgabe von Wirkstoffen den Heilungsprozess verbessern.
Der Übergang zu „smarten Textilien“ ist fließend. Zu ihnen zählen beispielsweise Kleidungsstücke, in die Sensoren integriert werden: die Unterwäsche, die die Vitalparameter von Senioren oder von Feuerwehrleuten im Einsatz misst. Auch ein sensorischer Babybody wurde im Hinblick auf den plötzlichen Kindstod entwickelt. „Der kam leider bisher nicht auf den Markt“, berichtet Sabine Keller. „Es ist ein langer Weg von der Produktreife bis man eine Firma findet, die in die Herstellung einsteigt.“
Aljona Savchenko, die sich zusammen mit ihrem Partner Bruno Massot in einer Traum-Kür olympisches Gold erkämpfte, gehörte zu den Testerinnen eines neuen Systems, das die Uni Stuttgart auf textilem Trägermaterial aus Denkendorf entwickelt. Dabei werden an Schlüsselstellen wie der Lendenwirbelsäule und den Füßen Sensoren angebracht, die die Rotationsgeschwindigkeit und die wirkenden Kräfte analysieren. Auf den ersten Blick weniger spektakulär, aber ebenso wirkungsvoll und wichtig sind Textilien, die gegen Flammen schützen oder Schall oder Stöße absorbieren. Die Raumbeleuchtung über textile Materialien ist derzeit ebenfalls ein großes Thema.
Und während die Stuttgarter Mooswände gegen Feinstaub von der dortigen Universität stammten, arbeiten die DITF mit weit weniger Öffentlichkeitswirkung zusammen mit Züblin an etwas Ähnlichem – ein paar Hundert Meter weiter beim ADAC steht ihr Prototyp. Ebenso wird in Denkendorf intensiv zu „Living Walls“ geforscht, also Leichtbauwänden mit textilem Trägermaterial für die vertikale Begrünung. Und wer weiß, vielleicht liegt auf der Skipiste bald grüner Schnee: Die DITF sind Projektpartner bei der Entwicklung von „BioGlizz“, einer auf Algen basierenden Alternative zu Kunstschnee, die derzeit im Praxistest ist. „Grün“ ist dieses Material nicht nur, was die Farbe betrifft, sondern auch, weil es keine chemischen Zusätze wie Kunstschnee braucht und nachwächst.
Nachwachsende Rohstoffe spielen bei der Entwicklung neuer Fasern eine große Rolle. „Viele Faserpflanzen besitzen herausragende Eigenschaften“, sagt Keller. Ob Nessel oder Banane, die DITF basteln an hochwertigen Garnen. Bei der immer mehr benötigten und teuren Carbonfaser versuche man dagegen eine Recyclingmethode zu finden. „Man braucht Carbonfasern vor allem für den Leichtbau“, erklärt Keller. Auch andere faserverstärkte 3-D-Strukturen haben deutlich weniger Gewicht als herkömmliches Material. Sie werden in Autos, Zügen oder Flugzeugen verbaut, aber auch in Gebäuden. Immer wieder dient die Natur als Vorbild: So haben die Wissenschaftler bei der Kanarenkiefer und bei Wüstenkäfern abgeschaut, wie sie aus der Luftfeuchtigkeit Wasser gewinnen. Daraus entstanden ist ein Polyestergewirke, das unter anderem in Marokko und der Wüste Namib getestet wurde. „Der Nebelfänger ist jetzt in die Produktion gegangen“, berichtet Sabine Keller. Zwar haben andere Firmen schon ähnliche Produkte entwickelt, dieses sei aber besonders robust bei Wind und hoher Sonneneinstrahlung und besonders effektiv.
Die Veredlung und Beschichtung von Fasern, der Einsatz hochtechnischer Tinten und Lacke, sind bei all diesen Beispielen noch gar nicht enthalten. Für die Kunden ist zudem wichtig, dass die DITF auch Prototypen herstellen und Produkte prüfen. „Wir können da im Industriemaßstab ganz viel anbieten“, sagt Sabine Keller.
Finanziert werden die Institute mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg, aber auch über Fördermittel für einzelne Projekte. Rund 300 Mitarbeiter, Studierende und Doktoranden sind in Denkendorf tätig und rücken meist dann ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, wenn sie eine Auszeichnung oder einen größeren Förderbescheid erhalten. Ihre Forschungsergebnisse finden sich dagegen in einer Vielzahl von alltäglichen und auch hochtechnisierten Produkten wieder. aia / Foto: DITF

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