Ansprechen, auffangen, ausbilden

Projekt des Jobcenters und des Landkreises Esslingen richtet sich an junge Menschen ohne Berufsperspektive – Start Januar 2019

Keiner darf verloren gehen – so betitelt die Agentur für Arbeit ihre Informationen zu einem künftigen, bisher einzigartigen Projekt: Junge Menschen, die nicht zur Schule gehen, keine Ausbildung machen und stattdessen orientierungslos „rumhängen“, sollen mit speziellen Angeboten angesprochen und auf den Bildungsweg gebracht werden. Das Projekt gilt als das erste seiner Art in Deutschland. Die Kooperation von Jobcenter und Landkreis Esslingen startet im Januar 2019.
Die praktische Arbeit mit benachteiligten und schwer erreichbaren jungen Menschen soll an einzelnen Standorten im Landkreis stattfinden. In den Jugendbüros in Esslingen, Ostfildern, Leinfelden-Echterdingen, Nürtingen und Kirchheim stellen Sozialarbeiter den Kontakt zu den jungen Leuten her.
Den Kontakt zu dieser Klientel haben die Sozialarbeiter vor Ort sowieso. So wie Jessica Seeger, die in Ostfildern das Jugendbüro Ikarus in der Parksiedlung leitet. „Es handelt sich bei uns um etwa zehn bis 15 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, auf die dieses Profil ‚Schwer erreichbar’ zutrifft“, sagt Jessica Seeger. Streetwork sei da ein probates Mittel, mit den Menschen in Kontakt zu kommen.
Die meist männlichen jungen Leute hätten diverse Probleme, die einem Weg in die Arbeitswelt entgegenstünden. „Obdachlosigkeit, Drogensucht, Beziehungsprobleme und ähnliches“, zählt Seeger auf. Bevor die Männer und Frauen in Arbeit kommen, müssten diese „Baustellen“ intensiv bearbeitet werden. Zu glauben, dass man nach einem halben Jahr Sozialarbeit die Jugendlichen in einer Arbeits- oder Ausbildungsstelle habe, sei utopisch. „Das dauert eher mal zwei Jahre, und wir müssen Teilschritte als Erfolge ansehen, wie zum Beispiel, dass jemand eine Teilzeitstelle annimmt, um sich überhaupt im Arbeitsleben zu erproben.“
Seeger hat beobachtet, dass diese Gruppe über die Jahre größer geworden ist. Vor allem die Obdachlosigkeit habe bei Jugendlichen zugenommen. „Bei den Mietpreisen in unserer Region können diese Jungen und Mädchen nicht mithalten“, sagt Seeger. Der Drogenkonsum habe sich von exzessivem Alkoholgebrauch in Richtung Grasrauchen verschoben. Rund 80 Prozent der schwer Erreichbaren in Seegers Bereich kommen aus Ostfildern, ein kleinerer Teil aus Denkendorf und Neuhausen sowie aus entfernter liegenden Kommunen wie Kornwestheim oder Sindelfingen.
In Ostfildern verfügt die Jugendarbeit über ein eng geknüpftes Netzwerk, wie Frank Havlicek, der Leiter der Kinder- und Jugendförderung in Ostfildern, erklärt. „Wir haben erfahrenes Fachpersonal, das sowieso an diesem Thema dran ist“, sagt Havlicek. Gute Kontakte bestünden auch zu lokalen Unternehmen, die auch Praktika für eine schwierigere Klientel anbieten. Mit dem künftigen Projekt sehen Havlicek und Seeger die Möglichkeit, ihre Netzwerke stärker einzusetzen und Ressourcen zu nutzen.
Auch in Leinfelden-Echterdingen soll über ein künftiges Jugendbüro der Kontakt zu den Jugendlichen gesucht werden. Das Jugendbüro soll als Anlaufstelle dieser Jugendlichen aus dem Einzugsgebiet von Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen dienen und möglichst beim Stadtjugendring als etablierter Einrichtung der Jugendarbeit in der Stadt angesiedelt werden – mit einer 100-Prozent-Stelle oder auch zwei 50-Prozent-Stellen. Die Personalkosten dieser zunächst befristeten Stelle würde der Landkreis, die Sachkosten würden die beiden Filderkommunen je zur Hälfte übernehmen, hieß es kürzlich bei der Vorstellung des Projekts im Gemeinderat.
Dem Vorstoß liegt eine neue gesetzliche Regelung in den Sozialgesetzbüchern zugrunde. Sie betrifft junge Menschen bis 25 Jahre wie zum Beispiel Schulabbrecher oder andere Jugendliche, die von den üblichen Angeboten und Lehrformen nicht erreicht werden und die auch keinen Kontakt zu den Jobcentern halten. Den jungen Menschen im Übergang von der Schule in den Beruf oder zur Ausbildung soll eine spezielle Unterstützung zuteil werden, um ihre individuellen Schwierigkeiten zu überwinden. Das langfristige Ziel ist, die Jungen und Mädchen in die Lage zu versetzen, eine schulische, ausbildungsbezogene und berufliche Qualifikation abzuschließen oder auf sonst einem Weg in das Arbeitsleben einzutreten.
Im August 2016 hat der Gesetzgeber den Paragrafen 16 h SGB II aufgenommen, der die Förderung dieser Personengruppe regelt. Große Fallzahlen will niemand erwarten. „Schnelle Erfolge wird es sicher nicht geben“, erklärt Astrid Mast, die Leiterin des Jobcenters im Landkreis Esslingen. „Es wäre aber ein schrecklicher Fehler, junge Menschen abzuschreiben.“ Das Projekt sei wichtig für jeden einzelnen. bob / Foto: dpa


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