Der Deutsche neigt zum Falten

Welttoilettentag weist auf das Fehlen ausreichend hygienischer Sanitäreinrichtungen hin – Defizite auch an hiesigen Schulen

Im vergangenen Jahr haben die Vereinten Nationen den 19. November zum Welttoilettentag ausgerufen, nachdem der World Toilet Summit diesen Tag bereits seit 2001 dazu nutzt, um auf das Fehlen ausreichend hygienischer Sanitäreinrichtungen für große Teile der Weltbevölkerung und die Bedeutung von sauberem Wasser aufmerksam zu machen. Derartige, den Nährboden für Krankheiten bereitende Verhältnisse gibt es in Deutschland zwar nicht, doch auch hierzulande gibt es Probleme. Und es gibt erstaunliche Erkenntnisse und Entwicklungen rund um das stille Örtchen.

Krankheitserreger: Mehr als 2,5 Milliarden Menschen leben nach UN-Angaben ohne eine ausreichende Sanitärversorgung. Betroffen sind vor allem Arme auf dem Land und Bewohner von Slums in Städten. Viele müssen ihre Notdurft ungeschützt im Freien verrichten. So gelangen Fäkalien ungehindert ins Wasser. Schätzungen zufolge stehen 80 Prozent aller Krankheiten in Entwicklungsländern im Zusammenhang mit verunreinigtem Trinkwasser. Pro Tag sterben 5000 Kinder unter fünf Jahren an Krankheiten, die im Zusammenhang mit mangelhafter Hygiene und verschmutztem Wasser stehen.

Geschichte: Entlang dem Indus im heutigen Pakistan gab es schon um 3000 vor Christus Spülklosetts – das Wasser kam aus Zisternen. Aborte über Wasserläufen gab es etwa 2300 vor Christus in Mesopotamien. Vornehme griechische Häuser hatten seit 300 vor Christus Steinsitze, die auch aus Gebäuden in Ägypten bekannt sind. Unter den Sitzen befanden sich Transportgefäße. Chinesen stellten seit dem fünften Jahrhundert nach Christus Toilettenpapier her.

Falter: Wer faltet eigentlich sein Klopapier und wer knüllt es lieber? Die Papierindustrie hat diese Fragen vor zwei Jahren gestellt. Antwort: 70 Prozent der Deutschen – mehr Männer als Frauen – falten ihr Papier, bevor sie es benutzen. Bei den 30- bis 69-Jährigen ist diese Technik besonders beliebt. Der typische Falter sei studiert, verheiratet und wohne meist in kleinen bis mittelgroßen Städten. Typische Knüller sind hingegen viel seltener: nur 7,4 Prozent der Befragten. Sie sind ebenfalls meist männlich, zwischen 30 und 49 Jahre alt und versorgen als Besserverdiener eine Familie. Ältere (50 bis 69 Jahre) legen ihr Papier dagegen oft sorgfältig Blatt für Blatt aufeinander. Jüngere Frauen (14 bis 29 Jahre) wickeln es sich gern um die Hand. Robert Gensch, Projektkoordinator bei der German Toilet Organization, erkennt im Deutschen auch eher den „Falter“, der US-Amerikaner knülle hingegen häufiger. Das rühre auch vom dünneren Toilettenpapier.

Gewohnheiten: Gensch zufolge sitzt der durchschnittliche Deutsche etwa eine Viertelstunde am Tag auf dem Klo. Nach einer Umfrage der Stiftung Internetforschung vom vergangenen Jahr nimmt jeder sechste Erwachsene auch auf dem Lokus noch Handyanrufe entgegen. Einer Umfrage der Firmen „1&1“ und „YouGov“ zufolge ist jedem fünften deutschen Handynutzer das Mobiltelefon schon einmal in die Toilette gefallen. Und dann gibt es noch die, die auf dem Klo Dauersitzungen halten.

Was die „Apotheken-Umschau“ zur Frage veranlasste: Ist Lesen auf dem Klo ungesund? Demnach dient die Toilette vielen Menschen als Oase der Entspannung. Das Lesen soll dieses wohlige Gefühl noch verstärken. Darmspezialisten weisen aber darauf hin: Wenn man wirklich muss, ist das Geschäft normalerweise nach drei bis fünf Minuten erledigt. Das ist für Kloleser allerdings wenig Zeit. Doch beim Sitzen auf der Brille hängt der Po durch, dies könne über die Jahre bei Dauersitzern die Hämorrhoidenbildung, eine Beckenboden- oder Blasensenkung fördern.

Schulmisere: Solch lange Sitzungen hält kaum jemand auf Schultoiletten ab. Zwar wurde die German Toilet Organization (GTO) vor neun Jahren vor allem deshalb gegründet, um auf die weltweite Problematik hinzuweisen und Projekte zur Beseitigung des Sanitärnotstands zu initiieren. Aber auch in Deutschland sollte das laut Projektkoordinator Gensch „tabubehaftete Thema“ aus der Schmuddelecke geholt werden. Dabei sei man auf die teils gravierenden Probleme auf Schultoiletten gestoßen. In Berlin habe man eine Umfrage gestartet. Demnach meiden zwei Drittel der Hauptstadtschüler die Toiletten an den Bildungseinrichtungen. Deshalb hatte die GTO unter dem Motto „Toiletten machen Schule“ zu einem Wettbewerb aufgerufen, bei dem Schüler Ideen zur Verbesserung der Sanitäranlagen einreichen konnten. Die Sieger wurden mit einer Renovierung ihrer Schultoiletten belohnt. Zum Schuljahresbeginn im kommenden Jahr will der gemeinnützige Verein eine neuerliche Wettbewerbsrunde einläuten (www.germantoilet.org). Thomas Hauer vom deutschen Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg wägt ab, wenn man ihn nach den Gesundheitsfolgen schmutziger Schulklos fragt: So stellten sie selbst zwar kaum ein größeres Ansteckungsrisiko mit Salmonellen und anderen Erregern dar. „Aber eine wenig einladende Toilettenumgebung sorgt für eine nachlässige Haltung bei der Hygiene“, sagt Hauer. Das könne etwa die Verbreitung von Noroviren und Erkältungen begünstigen.

Trends: Laut dem Landesverband Sanitär, Heizung, Klima (SHK) ist das stille Örtchen in Deutschland im Schnitt zwischen 1,5 und 4 Quadratmeter groß. Nach Angaben von Albrecht Lohri, dem Obermeister der SHK-Innung Esslingen-Nürtingen, ist in den hiesigen Wohnungen ein Spülklosett längst Standard. In aller Regel befindet sich ein Handwaschbecken im Raum, Boden und Wände sind bis etwa Brusthöhe gefliest. Im privaten Bereich gibt es fast ausnahmslos die Sitzvariante der Schüssel. Ein Hockklosett findet sich hin und wieder in Industriebetrieben, in Privatwohnungen „habe ich das noch nie reingemacht“, sagt Lohri. Während immer wieder ein Urinal den Männern das Pinkeln erleichtert, hat sich das Damenurinal nicht durchgesetzt. Ein Trend ist laut Lohri das spülrandlose WC, das einfacher zu reinigen sei. Und das Dusch-WC, bei dem der Sitzende mit Wasserstrahl und Föhn gereinigt und getrocknet wird, komme „Schritt für Schritt in den Markt“.

Ausstellung: Das Museum der Alltagskultur im Schloss Waldenbuch zeigt derzeit unter dem Titel „Vom Plumpsklo zum Wasserklosett“ eine Geschichte zur Notdurft.      ch / Foto: dpa


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