Die Kasse stimmt nicht immer

Selbstbedienungsstände sind praktisch für Landwirte und Verbraucher – Bei der Ehrlichkeit hapert es oft


Bitte Geld in die Kasse einwerfen: Diese Aufforderung findet man in und nach der Erntezeit häufig an Selbstbedienungshäuschen und -ständen auf dem Land. Oft kann man sich dort rund um die Uhr mit Kartoffeln, Äpfeln, Kürbissen und mehr versorgen. Die Landwirte erreichen so mit relativ geringem Aufwand direkt ihre Kunden. Sie müssen allerdings einen Anteil „Schwund“ einkalkulieren.

Mit langen Fingern, schnellen Beinen und Autos haben wohl alle zu tun, die ihre bäuerlichen Produkte an Selbstbedienungsständen vermarkten. „Man muss mit einer Zahlungsmoral von 40 bis 50 Prozent rechnen“, sagt Melanie Munk, deren Familie ein Blumenfeld zum Selbstpflücken zwischen Owen und Beuren pflegt. Das ist keine erfreuliche Zahl – und unerfreulich waren auch die Reaktionen, die Munks ernteten, wenn sie Nicht-Zahler beobachtet und angesprochen haben: Meist bekomme man dann noch eine pampige Antwort. Die Familie beackert das Blumenfeld auf Vertrauensbasis trotzdem, zumindest vorläufig, denn andere Vertriebswege sind noch unattraktiver. Auch ihren Eier- und Kartoffelautomaten haben Munks nicht aufgegeben, obwohl er mehrfach demoliert wurde. Mittlerweile steht das Gerät nicht mehr außerorts, sondern mitten in Brucken an der Kirchheimer Straße. Seither kam, abgesehen von Schmierereien, nichts Größeres mehr vor.

In Owen findet man reichlich Gelegenheit zur Selbstbedienung. Obstbauer Tobias Schmid hat Stände mit verschiedenen Apfelsorten, deren Geschmack und Verwendung er auf einem Plakat erklärt. Und am Haus von Däschlers in der Wehrbachstraße geht niemand ohne bewundernde Blicke vorbei. Kürbisse in allen Formen und Farben, in Regalen, Kisten und auf dem Boden schmücken die gesamte Straßenfront. Hinzu kommen Kartoffeln, Äpfel und mehr im Selbstbedienungshäusle. Die Kasse ist an Däschlers Hauseingang angebracht. „Manchmal stimmt sie haarscharf und manchmal merkt man, dass weniger drin ist“, sagt Marianne Däschler.  Wenn Letzteres gehäuft auftrete, sei sie schon „frustriert“ und denke auch ans Aufhören. Umgekehrt seien aber viele Leute ehrlich. Manche kämen im Nachhinein, um ihre Schulden zu bezahlen, wenn das Kleingeld beim letzten Mal nicht gereicht hat.

Andrea und Tim Holzer verarbeiten in Hochdorf die Milch ihrer Thüringer-Wald-Ziegen in der eigenen Käserei. Das Ehepaar hatte lange einen frei zugänglichen Kühlschrank vor seiner Tür in der Kirchheimer Straße stehen. Bis er eines Nachts komplett geleert wurde: Quark, Frischkäse, Schnittkäse – alles weg, aber kein Geld in der Kasse. Daraufhin haben Holzers in einen Automaten investiert, in dem sie nun auch regionale Bio-Produkte von Kollegen wie Eier, Honig und Apfelsaft anbieten. Jetzt geht die Klappe nur beim passenden Geldeinwurf auf.

Albers in Sielmingen überwachen ihren Stand mit einer Kamera. Trotzdem sei es nicht leicht, unehrlichen Leuten beizukommen, sagt Gerlinde Alber, die Gemüse, Salat, Kartoffeln und alles, was gerade Saison hat, auf diese Weise verkauft. „Wenn einer meint, er müsste das so mitnehmen, dann soll’s ihm schmecken“, sagt die Landwirtin, die für sich beschlossen hat, sich nicht mehr zu ärgern. Im schlimmsten Fall müsse man halt die Selbstbedienung beenden – ihr Mann Erich ist auch mit dem Transporter unterwegs, um die eigenen Erzeugnisse zu verkaufen.

Manchmal kommt man den Dieben aber doch bei. Klaus Diez aus Reudern hat schon mehrfach erfolgreich Anzeige erstattet. Auch er setzt auf eine Kamera, kombiniert mit häufigem Leeren der Kasse und einem steten Auge auf den Stand. Wenn man jemanden in flagranti erwischt und in der Kasse sind nur fünf Cent statt fünf Euro, ist die Lage eindeutig. Muss die Polizei anhand von Kameraaufnahmen ermitteln, ist das schon schwieriger und führt nicht immer zu einem Ergebnis. Aber anscheinend spreche es sich doch herum, wenn die Ordnungshüter aktiv werden, meint Diez, denn dann sei immer „drei oder vier Wochen Ruhe“. Schon deshalb gibt er nicht klein bei und wacht weiter über Obst, Beeren und Saft.

Weitgehend positive Erfahrungen macht Hermann Binder, der sonntags einen Tisch mit Blumensträußen vor seinem Blumengeschäft in der Plochinger Marktstraße aufstellt. Auch hier ist schon etwas weggekommen, aber das sei die Ausnahme, sagt Binder: „Die Leute freuen sich, wenn sie bei uns Blumen bekommen und nicht zur Tankstelle fahren müssen.“            aia / Foto: aia


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.