Eine emotionale Reise

Deutschlandpremiere von „Anastasia“ auf Stuttgarts Musicalbühne – Ensemble, Kostüme und Bühnenbild beeindrucken

Stuttgart und die Romanows – diese Beziehung ist enger und facettenreicher als so mancher glauben mag. Gleich mehrfach haben sich das Haus Württemberg und die russische Herrscherfamilie auf höchster Ebene miteinander vermählt. Allein Königin Olga von Württemberg, eine geborene Romanow, hat jede Menge für Stuttgart getan. Man denke nur an das Gymnasium Königin-Olga-Stift oder das Olgahospital. Seit vergangenem Donnerstag ist diese Verbindung um ein wunderbares Kapitel reicher. Denn seither ist „Anastasia“, die jüngste Tochter des letzten Zaren, zu Gast in der Landeshauptstadt. Aber bevor falsche Vorstellungen aufkommen: „Anastasia“ ist der jüngste Spross von Stuttgarts Stage Palladium Theater. Das fulminante Musical entführt seit der Deutschlandpremiere die Zuschauer vom tief verschneiten Sankt Petersburg ins lebensfrohe Paris der 1920er-Jahre.
Die Geschichte des Musicals beginnt im prächtigen Palais der russischen Herrscherfamilie. Noch vergnügt sich das Zarenpaar zusammen mit den vier Töchtern und dem Sohn. Aber die Oktoberrevolution fegt wie ein Wirbelsturm über das Land und die herrschenden Strukturen hinweg. Im Jahr 1918, also vor genau 100 Jahren, tötet ein Erschießungskommando die gesamte Familie Romanow – in der Musicalgeschichte überlebt aber die jüngste Tochter schwer verletzt. Auf der Straße geht das Gerücht um, sie habe dabei ihr Gedächtnis verloren und lebe seitdem unerkannt. Und so ist es auch: Als Straßenkehrerin kommt Anya, wie sie sich nennt, mehr schlecht als recht durchs Leben. Das Leid der Bevölkerung bekommt sie hautnah zu spüren.
Durch einen Wink des Schicksals erfährt sie, dass sie noch eine Verwandte in Paris hat. Zu ihr macht sie sich auf den Weg. Aber ohne Erinnerung und ohne Identität scheint es unmöglich, die Mutter des Zaren davon zu überzeugen, dass sie ihre Enkeltochter Anastasia ist. Auf ihrer Reise schließt sie Freundschaften fürs Leben, erlebt unendliche Liebe und grenzenloses Vertrauen, erfährt aber auch großes Leid und finstere Intrigen.
Diese Reise ist der perfekte Stoff für kontroverse Duette, gefühlvolle Balladen, impulsive Songs und abwechslungsreiche Ensemble-Stücke. Sie bietet aber auch einen wunderbaren Rahmen für aufwendige Kostüme – nicht nur was die verschiedenen, landestypischen Kleidungsstile betrifft. So bilden zum Beispiel die gerade geschnittenen, russischen Uniformen einen starken Kontrast zur frechen und verspielten Charleston-Mode im Paris der wilden 20-er Jahre oder zu der opulenten und farbenfrohen Zarenrobe. Das Ensemble – allen voran die angebliche Zarentochter – macht optisch einen großen Wandel durch. Dem Publikum wird immer wieder Neues geboten.
Sowieso ist „Anastasia“ optisch herausragend. Neben den Kostümen hat das Bühnenbild daran einen großen Anteil. Damit der heimliche Star des Musicals zur vollen Illusion gelangt, kommt hochmoderne LED-Technik zum Einsatz. Die mehr als 430 hochauflösenden LED-Panele erzeugen gestochen scharfe und realistische Bilder mit Tiefenwirkung. Das reicht von einer verschneiten Stadtsilhouette über eine farbintensive Morgendämmerung oder ein raumhohes Aktenarchiv bis zu scheinbar tanzenden Geistergestalten. Die Wand versteckt sich hinter den Kulissen mit Säulen, Kronleuchtern sowie Bodenplatten im Marmordesign und unterstützt das Bühnenbild. Dieses geschickte Zusammenspiel versetzt das Publikum in Sekundenschnelle von der Zarenresidenz in einen Nachtclub oder in ein prachtvolles Opernhaus und wieder zurück auf die Boulevards der Stadt. Drei Drehteller mit mehreren Metern Durchmesser und eine 18 mal zwölf Meter große und vier Tonnen schwere LED-Wand machen es möglich.
Die Hauptrollen sind passgenau besetzt: Judith Caspari (Anastasia), Milan van Waardenburg, Mathias Edenborn, Thorsten Tinney und Daniela Ziegler als Zarenmutter stehen an der Spitze des Ensembles. Die moderne Technik, die aufwendigen Kostüme und eingängigen Melodien unterstreichen jedes Wort, jedes Gefühl und jede Szene auf der Bühne. „Anastasia“ wird so zu einem Musicalerlebnis, bei dem die einzelnen Elemente zum großartig gelungenen Gesamtwerk verschmelzen. iby / Foto: Johan Persson / Stage Entertainment
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Bei einer Musical-Premiere lässt sich stets auch Prominenz blicken, beziehungsweise in Szene setzen. Das war auch bei „Anastasia“ nicht anders. So schaute auch Ex-Wimbledon-Sieger Boris Becker, als Tennis-Legende bezeichnet, in Möhringen vorbei. Nach der Vorstellung zeigte er sich „tief berührt“. Moderatorin und Sängerin Victoria Swarovski erzählte: „Anastasia war früher einer meiner Lieblingsfilme.“ Nach der Musical-Version war sie „ganz baff“. Model Barbara Meier sprach nicht zuletzt wegen des ausgeklügelten Bühenbilds von einer „wunderschönen Reise zum Träumen“. Moderatorin Verena Kerth genoss den Abend: „Das Stück ist unfassbar schön, wundervoll, tragisch und romantisch.“ Schager-Star Anita Hofmann erlebte Gänsehautmomente. Und Prinz Hans Georg Yourievsky, der letzte lebende Ur-Enkel eines russischen Zaren, sagte: „Mir sind die Tränen gekommen, das war sehr berührend für mich.“ red / Foto: Ben Pakalski

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