Im Vollgas-Modus

Der 17-jährige Wernauer Max Hesse sorgt im Tourenwagensport für Furore – Schon Erfolge mit dem Kart gefeiert – Ziel DTM

Vollgas  – von klein auf sucht Max Hesse den Reiz der Geschwindigkeit. Er findet ihn auf Rennstrecken. Über Jahre hinweg rast er im Kart über die Pisten, dann steigt er in den Tourenwagen ein. Nun, mittlerweile 17 Jahre alt, strebt Hesse mit Macht den nächsten Karriereschritt an. Geht der Plan auf, steuert er im kommenden Jahr in der GT-Masters-Serie einen Boliden mit 610 PS über die namhaften Schleifen in Deutschland und im nahen europäischen Ausland. „Ich will Profi-Rennfahrer werden“, sagt der Wernauer. Es scheint tatsächlich nicht mehr weit, dass Hesse von seiner Motorsportleidenschaft leben kann. Trotz der rasanten Entwicklung des Jungen, im Vollgasleben Hesses gibt es entscheidende Konstanten: die bedingungslose Unterstützung der Familie und die Treue von Sponsoren.

Die Rennleidenschaft hat Max Hesse vom Vater geerbt, wenngleich dessen Karriere nicht mit den Höhepunkten des Sohnes gespickt war – und nach einem Unfall jäh endete. Bis zu dieser Verletzung ist auch Mario Hesse im Kart unterwegs. Im Alter von zweieinhalb Jahren taucht Max in die Kart-Welt ein, ein Jahr später fährt er sein erstes Rennen. Als Neunjähriger gewinnt er die Kart-Masters-Serie, in den beiden darauffolgenden Jahren gelingt ihm dies nochmals. „Das haben kein Vettel und kein Schumacher geschafft“, sagt Mario Hesse. Der stolze Vater fördert den Jungen – und dessen Ambitionen. Wobei Max neben dem fahrerischen Können ein gehöriges Maß Ehrgeiz antreibt: „Ich will mich mit anderen messen. Und ich will immer der Beste sein.“

Doch allein Talent reicht im Motorsport nicht aus, eine Karriere muss finanziell ordentlich geschmiert werden. Es gibt Ausnahmen, in denen das betuchte Elternhaus dem Filius finanziell kräftig unter die Arme greift. Etwa im Fall des kanadischen Formel-1-Piloten Lance Stroll. Dessen Vater Lawrence hat kürzlich an der Spitze einer Investorengruppe sogar das Formel-1-Team Force India gekauft, was dem eigenen Nachwuchs nicht zum Nachteil gereichen wird. Lawrence Stroll gilt als Milliardär. Mario Hesse ist Produktmanager bei einer Kirchheimer Firma, Frau Kathleen arbeitet als Bürokauffrau. Ohne Sponsoren geht da nichts.

Nach den drei Gesamtsiegen wechselte Max Hesse in die nächsthöhere Kart-Klasse, wurde dort Vizemeister und war bester Deutscher bei der Europameisterschaft. Im Alter von 14 Jahren ging es in die Senior-Klasse des Kart-Sports. Doch die Titelambitionen erfüllten sich nicht. Als Sechster im Zwischenklassement fuhr Hesse raus aus der Serie, Geld sollte für die späteren Karriereschritte gespart werden. Doch die dauerten zunächst, denn erst als 16-Jähriger darf man in einem „richtigen“ Rennwagen Platz nehmen. Trainiert wurde am Rennsimulator zu Hause. Ende der Saison 2017 bekam der junge Wernauer dann seine Tourenwagenchance. Er wurde zu Testfahrten eines Teams in der Serie TCR Germany gerufen. Zuvor war Hesse noch nie am Steuer eines Autos gesessen. Daher ging es mit Vater Mario noch schnell auf den Verkehrsübungsplatz – und dann nutzte Max Hesse seine Chance. Die größeren Dimensionen, das Einschätzen der Abstände zu den Konkurrenten, dass er im Gegensatz zum Kart nicht mehr alles im Blickfeld hat – all das hatte der Nachwuchspilot schnell im Griff. Zwei Rennen folgten, und dann die komplette TCR-Saison 2018.

Im 37 PS starken Kart hatte Hesse zuletzt auf 170 km/h beschleunigt, nun galt es, die 350 PS eines Audi RS3 LMS in Zaum zu halten und doch am Limit zu fahren. Und das gelang – zumindest fast immer. Gesamtsechster wurde der 17-Jährige schließlich, und er war bester Neuling. Als Sieger der sogenannten Rookie-Wertung erhielt er einen Honda Civic. Und das trotz einer Schrecksekunde beim letzten Rennen am Hockenheimring. Beim Testen und bei 240 Sachen brach die Bremsscheibe, mit der Handbremse drehte Hesse den Wagen, der mit dem Heck in die Leitplanken knallte – Totalschaden. Die Mechaniker des Teams Prosport Performance arbeiteten die Nacht durch, um das Ersatzauto startklar zu machen. Und Hesse sicherte  den Erfolg. „Nach dem Unfall bin ich wieder eingestiegen und habe nicht nachgedacht“, sagt er.

Vor einigen Wochen hat Max Hesse eine Ausbildung zum Speditionskaufmann begonnen. Die und das Training lassen so gut wie keinen Spielraum für weitere Aktivitäten. Dreimal die Woche geht es zum Joggen, zwei- bis dreimal in den Kraftraum – angeleitet von einem Personal Trainer. Dazu gilt es, sich mit den Ingenieuren abzustimmen. Und der Rennsimulator muss nun größer sein, der mit einer Fünf-Meter-Leinwand steht am Nürburgring. „Wenn wir dann mal ein Wochenende frei haben, fahren wir zu Modellautorennen“, sagt Mario Hesse – auch da ist Max deutsche Spitze. Immerhin: Auch Mutter Kathleen will sich die Reisestrapazen nicht nehmen lassen.

Seit 2014 wird Max Hesse von der ADAC-Stiftung Sport gefördert. Mit Lehrgängen, drei Jahre lang auch finanziell. Diese Geldspritze haben die Hesses jüngst erstmals abgerufen, damit Max in der vielleicht entscheidenden Phase seiner Rennfahrerkarriere davon profitieren kann. Gut 150 000 Euro hat die TCR-Saison gekostet, Schäden am Auto eingerechnet. Totalschäden sind immerhin versichert, 5000 Euro Selbstbeteiligung bleiben allerdings. Den Etat für eine Saison tragen Sponsoren, fünf mittelständische Unternehmen seien dies, sagt Mario Hesse. Der 51-Jährige ist zuversichtlich, dass diese auch bei den GT Masters mitziehen würden – und ihre Zuschüsse dann auf insgesamt mindestens 300 000 Euro verdoppeln.

Die Wagen in der TCR-Germany-Serie fahren mit Frontantrieb – eine Ausnahme in der Tourenwagenszene. Auch deshalb soll der Umstieg in die nächste Klasse rasch erfolgen. Bei den GT Masters sind die TCR-Boliden nicht nur im Vorprogramm gefahren, die GT-Renner sind heckgetrieben. Wie die Wagen der Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM). Denn Max Hesses Ziel ist nicht die Formel 1, er hat sich dem Tourenwagensport verschrieben. Dort will er die großen Erfolge einfahren – mit viel Ehrgeiz, und mit Vollgas. ch / Foto: ch


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