Kultur von der Hand in den Mund

Vor zehn Jahren hat Rudolf Korbel die Rabenbühne in Bernhausen gegründet

Gute Stube, Wohnzimmer, Salon: Kulturbetriebe denken sich gern solche Synonyme aus, um besonders heimelig zu wirken. Die Rabenbühne ist jedoch tatsächlich ein Wohnzimmer –  Rudolf Korbels Wohnzimmer. Zwischen einem Bücherregal, einem alten Sessel, einem Klavier und einer historischen Schreibmaschine stellt er an Wochenenden Klappstühle an Bistrotische und präsentiert Kultur im Mini-Format. Die Rabenbühne im Filderstädter Stadtteil Bernhausen ist das wohl kleinste Theater weit und breit. „Gedacht ist es für 20 Gäste, aber ich hatte hier schon 50“, sagt Korbel lachend.

Seit zehn Jahren gibt es die Kleinkunstbühne an der Fußgängerzone im Ortskern. Zuvor hatten Rudolf Korbel und seine jüngere Schwester Ruth, eine ausgebildete Schauspielerin, im Friseursalon der älteren Schwester Gedichte geübt, dann vor Familie und Bekannten aufgeführt, später Musiker dazugenommen. „So hat sich das entwickelt“, sagt der 67-Jährige. Vor einem Jahrzehnt wurden schließlich eine Wand in den Friseurladen gezogen und Handwerk und Kunst getrennt. Links widmet sich die ältere Schwester seither den schönen Haaren, rechts der Bruder den schönen Künsten.

Der Mann, den alle nur Rudi nennen, ist ehemaliger Deutsch- und Französischlehrer im Unruhestand. Die Rabenbühne ist für ihn reine Liebhaberei, wie er sagt. „Das ist nichts Kommerzielles, da ist nichts verdient, eher reingebuttert“, betont er. Für seinen Traum vom kleinen Kulturbetrieb nimmt er nach eigenen Angaben viel in Kauf, schläft in einem spartanischen Kellerraum nebenan und wohnt und arbeitet tagsüber eben im Theater. „Ich mache alles selbst. Ich räume auf, ich putze, ich kaufe Getränke“, erklärt er. Fördergelder gebe es für die Initiative nicht. „Die Stadtväter interessiert das wenig“, sagt Rudolf Korbel. Nur einmal, vor Jahren, sei sein Engagement mit dem Bürgerpreis belohnt worden. Auch für die Künstler ist nicht viel zu holen. Sie kriegen ihren Anteil am Eintritt. Laut Rudolf Korbel kommen sie trotzdem gern, weil die Atmosphäre so intim ist, „hier entsteht sofort ein Gespräch“. Kultur von der Hand in den Mund.

Warum der Aufwand im Rentenalter? „Ich habe gespürt, da ist was. Ich will Performance machen“, erinnert er sich. Es gehe um die Liebe zum Wort, darum, andere zu erfreuen und auch ein bisschen um die Anerkennung. Rudolf Korbel ist ein Kreativkopf. Sein wallendes graues Haar bändigt er mit der zurückgeschobenen Lesebrille, während er blumig erzählt. Von seinen Lieblingsdichtern und seiner Zeit im Schuldienst, in der er mit seinen Schülern den „Zauberlehrling“ rezitiert hat. Davon, wie er sich beim Poetry Slam „die Hörner abgestoßen“ oder sich als Straßenkünstler probiert hat, wie er sich erfolglos bei Kleinkunstbühnen beworben habe und dann beschlossen habe, eben allein etwas aufzuziehen. „Mein Anliegen ist der Wert der Sprache“, stellt er klar.

An sein Programm stellt er daher hohe Ansprüche, wie er sagt. „Es gibt keine Schenkelklopfer und keine Amateure, da bin ich stolz drauf.“ Der Macher schlägt in dem, was er für sein Publikum auswählt, gern die ruhigeren Töne an, manchmal auch die etwas schwereren. Jazz, Blues oder Stücke von Reinhard Mey, Pantomime, Kabarett, Schattenspiele, Lesungen. Und eben besonders gern Lyrik. Mörike, Ringelnatz, Heine oder Hölderlin, sprachlich und szenisch dargeboten. Daran hängt Rudolf Korbels Herz. Er strahlt. „Ich will einfach meine Kunst präsentieren.“  car / Foto: car

Info: www.rabenbuehne.de


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