Leidenschaft für Landwirtschaft

Junge Nebenerwerbslandwirte drücken nebenbei die Schulbank und machen einen Abschluss

Gruppenbild, rechts außen Klassenlehrerin Claudia Kohn, hinter ihr Schulleiter Reinhold Klaiber, links daneben Erste Landesbeamtin Marin Leuze-Mohr und Kurt Mezger vom RP

Nach Feierabend in den Stall oder aufs Feld – und als ob das nicht genug wäre, drücken einige Feierabend-Bauern auch noch die Schulbank, um einen Berufsabschluss als Landwirt zu machen. Bei der Zeugnisübergabe und Abschlussfeier sprachen die aktuellen Absolventen über ihre Motivation.

Alle hätten bestanden, verkündete Reinhold Klaiber, der Leiter der Nürtinger Fachschule für Landwirtschaft, mit dem speziellen Ausbildungsgang für Nebenerwerbslandwirte. Und das nicht nur irgendwie, sondern mit einem Durchschnitt von 2,4. Das ist eine stolze Leistung für Leute, die eine Schule quasi als „Drittbelastung“ nebenher besuchen. Die 21 Männer und vier Frauen sind hauptberuflich im Handwerk, in der Industrie oder in der Verwaltung beschäftigt. Nebenbei betreiben sie ihre Landwirtschaft, haben häufig Familie und nun auch noch eineinhalb Jahre lang die Schulbank gedrückt. Die Ausbildung umfasst 600 Unterrichtsstunden in den Wintersemestern und fachpraktische Tage im Sommer.

Die meisten der frischgebackenen „Fachkräfte für Landwirtschaft“ sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, die Älteste ist 51. Ebenso breit ist das Spek­trum der Betriebe, die sie vertreten, ob Milcherzeugung, Pferdehaltung, Schweinezucht, Hühnerhof, Ackerbau oder Obstbau. Wer diese Ausbildung mache, sei „meistens sehr effizient im Organisieren“, sagte Kurt Mezger, der als Vertreter des Regierungspräsidiums an der Zeugnisübergabe teilnahm. Das ergebe sich schon daraus, dass viele mit der Nebenerwerbslandwirtschaft groß geworden sind.

Wie Rainer Kuhn, auf dessen Bohnackerhof in Oberboihingen die Abschlussfeier stattfand. Praktisch wüssten die meisten folglich schon sehr viel, aber theoretisch könnten sie noch manches lernen, sagte Schulleiter Klaiber. Zumal es in der Landwirtschaft unheimlich viel Rechtliches zu beachten gebe: Umweltschutz, Tierschutz, Fördermittel … – das mache einen erheblichen Teil der Ausbildung aus. Aber auch pflanzliche und tierische Erzeugung, Unternehmensführung und Betriebswirtschaft stünden auf dem Stundenplan.

Mit dem Gelernten hoffen die Nebenerwerbsbauern, effizienter wirtschaften zu können. Vielen gehe es nicht nur darum, den Hof der Eltern weiterzubetreiben, sondern „etwas zu gestalten, daraus zu machen“. Keineswegs alle haben die Landwirtschaft „geerbt“: Manche sind auch von außen reingerutscht oder haben sich ganz bewusst dafür entschieden. Dazu gehört Marcel Straub, der ansonsten Hauptamtsleiter einer Gemeinde im Kreis Reutlingen ist. Er half öfter auf dem Hof eines Freundes mit und hat dabei fürs Schlepperfahren und vor allem für die Milchkühe Feuer gefangen. Das sei zum einen ein Ausgleich zur Büroarbeit, aber auch „ein bisschen eine Leidenschaft geworden“. Dass er dann auch noch einen Abschluss draufgepackt hat, begründet der 29-Jährige damit, dass er „ein Hundertprozentiger“ sei und sich auf dem Hof auch inhaltlich einbringen wolle.

Erst 24 Jahre alt ist der Klassenbeste Michael Gscheidle, der Betriebswirtschaft studiert und derzeit den Master in „Agribusiness“ macht. Gegenüber dem theoretisch-wissenschaftlichen Studium habe er in der Landwirtschaftsschule die Themen bearbeiten können, „die man im Alltag und in der Praxis braucht“. In seinem Fall ist das ein extensiv bewirtschafteter Grünlandbetrieb mit Streuobstwiesen. Genossen hat der junge Mann, der eine Promotion im Bereich Unternehmensführung anstrebt, aber auch die Klassengemeinschaft und die guten Kontakte.

Tatsächlich ist die Ausbildung sehr gefragt, regelmäßig gibt es mehr Bewerber als Plätze. Zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe in den Kreisen Esslingen und Göppingen – beide werden von der Fachschule für Landwirtschaft abgedeckt – würden im Nebenerwerb betrieben, sagte Erste Landesbeamtin Marion Leuze-Mohr. Damit werde nicht nur die Familientra­dition gepflegt, sondern es würden auch Lebensmittel erzeugt und die Kulturlandschaft ge­staltet. 

(aia)/ Foto: (aia)


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