„Bildung ist wie Licht“

IG Metall Esslingen fördert Ausbildungsprojekt in Ägypten – Infoabend am 10. Juni


Seit drei Jahren betreibt die IG Metall Esslingen mit Partnern aus der Industrie ein Ausbildungsprojekt für Jugendliche in der ägyptischen Provinz Luxor. In der Kleinstadt Thoth werden derzeit 20 junge Männer zu Elektrikern ausgebildet. Künftig soll es auch eine Klasse für angehende Sanitärfachleute geben. Dazu veranstaltet die IG Metall einen Infoabend am Mittwoch, 10. Juni.

Die heute 16- bis 18-jährigen jungen Männer werden nach ihrem Berufsabschluss gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, denn in Ägypten werden gut ausgebildete Handwerker benötigt. Doch genau daran mangelt es in dem Land sehr oft. Denn die Baunebengewerke und die Handwerksleistungen sind oft nur von mangelhafter Qualität.

Das hat Sieghard Bender, der erste Bevollmächtigte der IG Metall Esslingen, bei einem Besuch in Ägypten festgestellt. Mit dem Projekt wollte er die Ausbildung benötigter Fachkräfte voranbringen sowie Jugendlichen ein Chance durch eine fundierte Berufsausbildung geben. Mehr als Dreiviertel der Arbeitslosen in Ägypten sind junge Leute zwischen 15 und 29 Jahren.

Mit einem Kooperationsvertrag mit dem Gouverneur von Luxor ging die Ausbildungswerkstatt für Elektriker an der Odaisat Industrial  Secondary School in Thoth 2013 an den Start. Unterstützung gab es von zahlreichen Firmen aus dem Kreis Esslingen wie Index oder Metabo, die bei der Ausrüstung der Klassen mit Maschinen und Werkbänken geholfen haben.

Partner sind außerdem die Max-Eyth-Berufsschule in Kirchheim und die Kinderhilfsorganisation Kleine Pyramide in Luxor. Zwischenzeitlich haben Ausbilder aus Thoth die Lehrerfortbildungsakademie in Esslingen besucht und sich über das duale Ausbildungssystem in Deutschland informiert. Die IHK Esslingen hat sich in die Zertifizierung des Berufsabschlusses eingeklinkt.

Finanziert wird die Fachausbildung über Patenschaften für die Azubis. Die Paten zahlen zwei Jahre lang 25 Euro im Monat. Das Interesse der Schüler war von Anfang an groß, so dass immer ein Eignungstest über die Aufnahme ins Ausbildungsprojekt entscheidet.

Nach dem plötzlichen Tod von Sieghard Bender vor zwei Jahren hat der Verein Grussi das Projekt übernommen; die Abkürzung steht für Gewerkschaftliche Gruppe für internationale Solidarität. Die Vereinsvorsitzende ist Gesa von Leesen.

„Das Projekt funktioniert“, stellt Leesen fest. Sie war kürzlich in Thoth. „Es ist einfach großartig, in der Werkstatt zu sehen, wie engagiert die Schüler und Ausbilder sind“, sagt Leesen weiter. Eine andere Ausbildungsklasse, die Malklasse für Mädchen, habe die Klassenräume mit einem neuen dekorativen Anstrich versehen. Auch andere berufsbildende Schulen aus der Umgebung haben in der Zwischenzeit das Projekt besucht.

Die Ausbildung geht jetzt in die Zielgerade. Bis Herbst haben die ersten 20 Elektriker ihre Ausbildung beendet. Im Patenschaftsbeitrag ist auch die Anschaffung eines Werkzeugkastens mit eingerechnet – als erste Ausstattung für einen künftigen selbstständigen Handwerksbetrieb. Von Leesen spricht begeistert über Taie Mohammed, den Ausbilder der Elektrikerklasse. Er habe die Schüler motivieren können. Und nicht nur das: Es sei ihm gelungen, auch die Eltern für die Ausbildung ihrer Kinder zu begeistern, wie Leesen berichtet. Zu den Elternabenden kämen mittlerweile fast alle Väter und Mütter der Schüler. Und sie begreifen, dass ihre Kinder eine Chance fürs Leben bekommen. „Bildung ist wie Licht, und ohne Licht kann man nicht leben“, habe Ausbilder Taie Mohammed einen der Väter zitiert.

Leesen und Grussi wollen ab Herbst eine Ausbildungsklasse zum Sanitärfachmann etablieren. Einige Vorbereitungen sind schon angelaufen. Unter anderem haben die Projektplaner einen Ehrenamtlichen, einen Sanitärfachmann im Ruhestand aus Lichtenwald, für die ersten Schritte gewonnen. Er wird beim nächsten Besuch in Thoth das Materialangebot vor Ort sichten. Denn während der Ausbildung soll nur Ware verwendet werden, die man in Thoth auch kaufen kann. Weitere ehrenamtliche Mitmacher und auch Spenden sind willkommen. Und Leesen will sich künftig um die Einrichtung einer Schneiderklasse für Mädchen kümmern.

In naher Zukunft will die IG Metall auch mit hiesigen Azubis nach Thoth fahren, denn auch den kulturellen Austausch hatte Projektgründer Sieghard Bender als ein Ziel im Visier.      bob / Foto: gvl

 

Info: Am Mittwoch, 10. Juni, 18 Uhr, informiert der Verein im Gewerkschaftshaus in der Julius-Motteler-Straße 12 über das Projekt. Mehr, auch zu den Patenschaften, gibt es unter www.esslingen.igm.de/wir/ausbildungswerkstatt.html


Harte Töne aus Nellingen

Die Alternative-Rockband „Cloey“ startet mit ihrer CD „Alles vergessen, Baby!“ durch – Auch organisatorische Fäden selbst in der Hand


Stuttgart ist das neue Seattle, war unlängst in einer der führenden deutschen Musikgazetten zu lesen. Der Vergleich der einstigen deutschen Hip-Hop-Hochburg mit dem Geburtsort des Grunge mag überraschen, darf jedoch als Metapher für die professionelle Ausrichtung der Musiker und die Vielfalt, die sich vor allem in den Bereichen Indie, Punk und Alternative Rock ausprägt, verstanden werden. Zu den Schwungrädern dieser Entwicklung gehört auch „Cloey“, ein vor zwei Jahren gegründetes Rockkollektiv aus Ostfildern-Nellingen, das Mitte Mai die Veröffentlichung seiner Debüt-CD „Alles vergessen, Baby!“ im Ruiter Zentrum Zinsholz feierte.

Ein erster Hörtest ergibt: Cloey (Gesang), Hendrik (Schlagzeug) und Lars (Gitarre) haben das Zeug dazu, eine feste Größe im „deutschen Seattle“ zu werden. Die satte Produktion verstärkt den Druck der Bratzgitarren, Cloeys Stimme verleiht den deutschen Texten mal Schärfe, mal viel Gefühl. Auch bei mehrmaligem Durchlauf des Albums gibt es Soundschnipsel und kompositorische Finessen zu entdecken, die zur Kantigkeit der Songs beitragen. Möglicherweise sind einige Stücke durch ihre unverkennbare Härte nicht kompatibel für die Dauerschleifen im Radio, auf Platte jedoch entfalten sie Wucht und besitzen bei all dem Ohrwurmqualität. Ein professionell gedrehtes Video zur Vorab-Single „Bass, Bass, Bass“ ist schon seit Monaten auf den entsprechenden Internet-Kanälen zu sehen, in zwei Wochen erscheint ein weiteres zu „Weg von hier“, das in Kooperation mit der Filmfabrik Schwaben aus Stuttgart entstand.

Fast 20 000 Euro hat die Band in ihr Projekt gesteckt und schon daran ist die Intuition der Musiker erkennbar. Die drei, die live durch den Bassisten Thomas verstärkt werden, wollen es wissen. Dazu gehört die Konzentration auf das Hier und Jetzt, der Bandname wird zum Identitätsbegriff, daher verzichten Cloey, Hendrik und Lars darauf, ihre Nachnamen zu nennen. Die gemeinsame Musikhistorie in verschiedenen Formationen bezeichnen sie als Findungsphase, erst vor zwei Jahren habe sich der Wunsch herauskristallisiert, härtere Töne auszuprobieren. „Dieses ‚Voll auf die Fresse‘ hat in unseren Herzen geschlummert“, sagt die Frontfrau. „Und wir haben schnell gemerkt: Das sind wir, das macht uns aus.“

Bislang halten die Musiker auch die organisatorischen Fäden in der Hand. Das Label, um das Album herauszubringen, haben sie selbst gegründet. Management, Booking, Werbung und alle anderen Aufgaben teilen sie untereinander auf. „Jeder, der eine Aufgabe übernimmt, ist auch für sie verantwortlich. Wenn es hart auf hart kommt, muss die- oder derjenige auch die Entscheidung treffen“, erklärt Cloey die Gewaltenteilung. Da komme es auch mal zu Auseinandersetzungen, aber da sich alle in der Sache einig sind, können solche Unstimmigkeiten schnell aus der Welt geschafft werden.

Leben können die Musiker von ihrer Kunst noch nicht, lediglich Hendrik, der eine Musikschule in Nellingen betreibt, kann seine Leidenschaft für den Broterwerb nutzen. Das liegt mitunter auch daran, dass die Modalitäten, um einen Auftritt zu bekommen, nicht sehr künstlerfreundlich sind. Die Vergabe wird von Votings und Facebook-Abstimmungen beherrscht. „Man bewirbt sich für ein Konzert, dann wird eine bestimmte Anzahl an Bands ausgewählt, die ins Voting gehen“, erklärt Cloey das Prozedere. Die Fans bestimmen per Mouse­click, wer auf die Bühne darf. Eine Gage gibt es meistens nicht, das Glück, zu den Auserwählten zu gehören, muss als Lohn genügen. Fair findet die Sängerin das nicht. „Die Musik und die Arbeit, die dahinter steht, wird nicht geschätzt. Wenn du zum Bäcker gehst, erwartest du doch auch nicht, dass dir das Brötchen geschenkt wird.“

Dennoch ist der Terminkalender der Band reich bestückt, inzwischen stehen auch einige Konzerte außerhalb der Grenzen Baden-Württembergs an. Darin sieht die Frontfrau die Bestätigung des eigenen Wirkens. „Das Geilste ist, auf der Bühne zu stehen, deine Songs zu spielen und die Leute applaudieren für die Arbeit, die du geleistet hast“, sagt Cloey.         on / Foto: privat

 

Info: Mehr Informationen zur Band gibt es im Internet unter www.cloey.net. Dort kann auch die CD erworben werden.


Abgestimmt

Nach dem gerade noch verhinderten Abstieg wird Alexander Zorniger
Huub Stevens als Trainer beim Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart
ablösen. Eine erfolgversprechende Lösung?

Foto: dpa

Erfolgversprechend?

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Vorhang auf

WLB stellt neues Programm vor – Studio am Blarerplatz öffnet nach Umbau


Die Württembergische Landesbühne (WLB) in Esslingen hat viel Neues zu vermelden: Das neue Programm liegt vor, außerdem wird die Bühne am Blarerplatz wieder als Spielstätte genutzt. Und eine neue Verwaltungsdirektorin gibt es auch.

Noch läuft die aktuelle Spielzeit auf vollen Touren, demnächst wird die Freilichtbühne am Kesslerplatz aufgebaut, aber bereits jetzt präsentiert die WLB das Programm für die Spielzeit 2015/16. Es ist geprägt vom Netzwerk des Intendanten Friedrich Schirmer, der Kontakte zu Autoren und Weggefährten ausgräbt, Versprechen einlöst oder lange gehegte Vorhaben umsetzt.

Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts sind dabei immer noch präsent, zum Beispiel im Anti-Kriegsstück „Der Preispokal“ von Sean O‘Casey, ebenso wie in Walter Kempowskis „Tadellöser und Wolff“. Um Macht und Gewalt geht es in Kafkas „Prozess“.

Fest verankert im Spielplan sind die regionalen, sprich schwäbischen Themen: Am auffälligsten dabei ist die Freilichtaufführung im nächsten Jahr an der Stadtkirche: Shakespeares Hamlet wird sich dort trüben Gedanken über die Welt hingeben. Aus dem Prinz von Dänemark wird der Prinz von Württemberg und am Hof wird schwäbisch gesprochen. Mit dem „Sheriff von Linsenbach“ des verstorbenen Autors und Regisseurs Oliver Storz spielt die WLB eine schwäbische Komödie, die das Thema Fundamentalismus behandelt. Regionalen Stoff mit Humor verspricht die Live-Hörspielproduktion „Der Frauenarzt von Bischofsbrück“.

Den Auftakt macht als Uraufführung „Der Fliegende Holländer“, bearbeitet von Andreas Marber. Für Schirmer ist es ein „Herzensstück“, dessen Musik er mit „The Best of Ritchie Wagner“ ankündigt. Besonders stolz ist man in Esslingen auf „Obwohl“, das als Koproduktion mit der Rampe Stuttgart am 29. Mai bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt wird. Im Oktober ist sie in der WLB zu sehen. Insgesamt spielt die WLB neben den weiter laufenden  Produktionen 13 Premieren. Acht Premieren sind es bei der Jungen WLB. Dabei sind Stücke wie „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ über einen Jungen, der Räuber werden will, oder „Zwei Schwestern bekommen Besuch“, wo es um die Frage geht, wie man richtig lebt.

Aber es gibt nicht nur neue Stücke zu vermelden: Im ersten Jahr unter Schirmers Intendanz sahen rund 40 000 Besucher das WLB-Programm, das sind fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Ein Umstand, der Heimkehrer Schirmer erfreut, denn sein Vorgänger Manuel Soubeyrand habe schon gute Zahlen gehabt. Ab Juni wird die WLB Baustelle, denn die Klimaanlage wird erneuert. Ab Herbst wird das Studio am Blarerplatz nach einem Umbau wieder bespielt; 80 Plätze hat die kleine Bühne nun. Zur neuen Spielzeit löst die Kultur- und Wirtschaftswissenschaftlerin Vera Antes Ulrich Heinzelmann als Verwaltungsdirektor ab. Keine Veränderungen gibt es derweil im Ensemble.         bob / Foto: bob

 

Info: mehr zum Programm unter www.wlb-esslingen.de, Karten gibt es unter t 07 11/35 12-30 44.


„Was geschah, kann sich wiederholen“

70 Jahre nach Kriegsende hat der Auschwitz-Überlebende David Salz nach wie vor eine Mission


Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg. In den Wochen zuvor wurden von den Alliierten die Konzentrationslager der Nazis befreit. David Salz wurde als 13-Jähriger nach Auschwitz deportiert, arbeitete auch in Dora-Mittelbau. Nun hat er Schülern der Nürtinger Albert-Schäffle-Schule sein Leben erzählt. Das ECHO hat sich mit ihm unterhalten.

 

Wie lassen sich die Millionen von Gräuel in den Konzentrationslagern in Worte fassen?

Salz: Ich habe zwei Lager hinter mir. Zunächst Auschwitz, doch im Vergleich zu Dora-Mittelbau Nordhausen war das ein Pappenstiel. Die Bedingungen in Dora-Mittelbau waren weitaus krasser, auch wenn Auschwitz ein Vernichtungslager war und meine Mutter und drei ihrer Geschwister dort vergast und verbrannt wurden. In Dora-Mittelbau wurden die V1 und V2 fabriziert – V steht für Vergeltungswaffe. Der Leiter dieses Projekts war Wernher von Braun, der nach dem Krieg in den USA eine steile Karriere als Raketeningenieur machte und das Projekt zum Mond leitete. Für mich ist von Braun ein Kriegsverbrecher.

 

Wie waren die Bedingungen in Dora-Mittelbau?

Salz: Auschwitz war ein ständiger Überlebenskampf. Mit dem Tätowieren der Lagernummer wurde uns der Name, aber auch jede Würde genommen. Aber dort hat man auf Sauberkeit geachtet und wir konnten auf Pritschen schlafen. In Dora-Mittelbau fand alles im Stollen statt, ein ganzer Flugzeughangar mit Gleisen und vielem mehr war in einem Berg nahe Nordhausen in Thüringen errichtet worden. Bomben konnten den Berg nicht durchdringen. Dort schliefen wir mit etwas Stroh direkt auf dem Steinboden. Die Temperatur lag bei kon­stanten minus acht Grad. Wir konnten uns nicht waschen und keine Kleidung wechseln, für Juden gab es keine Toi­letten. Wir wussten nicht, ob gerade Tag oder Nacht war, wir kannten das Datum nicht, das Tageslicht sahen wir über Monate nicht. Wir arbeiteten jeden Tag, bis zu 16 Stunden. Und der Tod war allgegenwärtig. Viel zu viele blieben auf der Strecke.

 

Wie gelang Ihnen die Flucht?

Salz: Letzten Endes über eine weitere Schikane. Die ganze Schicht wurde in den sogenannten Schonungsblock verlegt – in einen Kasernenblock über Tage, die Böllze-Kaserne. Es war aber der Siechenblock, wir waren dort zum Verhungern verurteilt. Bei einem der vielen Bombardements sprang aber die Tür – wohl durch den Luftdruck – auf, an der gerade ein Arbeitskommando vorbeimarschierte. Jemand sagte: „Hier fehlt einer!“ Worauf ich – ohne zu zögern – aus dem Block raus rannte und mich eingliederte. Später blieb ich zurück, warf mich in einen Schneehaufen und schaffte es, mich abzusetzen. Auf den Wachtürmen standen keine Soldaten. Mit Schnee habe ich mich erst einmal gewaschen und einige Kleiderfetzen gesammelt. Ich warf einige Granatsplitter in den sonst unter Hochspannung stehenden Zaun – die Bomben hatten die elek­trischen Leitungen gekappt. Ich grub mich unter dem Zaun durch und rannte in den Wald. Auf der Flucht gaben mir deutsche Deserteure zu essen und Kleidung. Aber auf einem Bauernhof, auf der Suche nach Essen, wurde ich von Einheimischen verraten. Im letzten Moment machte ich mich durchs Fenster davon und versteckte mich in einer Baumkrone vor den Verfolgern. Des Nachts übernachtete ich auf Friedhöfen, wo ich zwischen Grabsteinen lag. Tage später lief ich völlig entkräftet den Amerikanern in die Arme. Ich wurde gerettet, aber nie befreit. Später zogen die Amerikaner ab und die Russen ein.

 

Nach Ihrer Emigration nach Israel waren Sie knapp 20 Jahre später Zeuge in einem der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt. Wie haben Sie den damals erlebt?

Salz: Es war ernüchternd. Der Angeklagte wurde nur zu drei Jahren Haft verurteilt, wegen gesundheitlicher Probleme sogar früher entlassen. Die Narben, die die qualvolle Zeit bei mir hinterlassen haben, werden aber nie heilen. Ich schlafe bis heute keine Nacht durch. Es verfolgt mich, so lange ich einen Gedanken habe. Seit dem Prozess habe ich hohen Blutdruck und ich war bei keiner weiteren Verhandlung.

 

Sie haben bereits Anfang der 60er-Jahre begonnen, vor Jugendlichen von Ihrem Leben und dem Nazi-Terror zu berichten. Warum?

Salz: So lange ich kann, will ich Schüler über den Völkermord an den Juden aufklären. Ich habe dabei nur gute Erfahrungen mit der deutschen Jugend gemacht. Aber: Was gestern geschah, kann sich wiederholen, wenn man nicht gegensteuert. Schauen Sie in den Nahen Osten: Dem Terror der Islamisten schaut die Welt ohne Regung zu. Deshalb sage ich: Never again – nie wieder. Schalom – Friede in der Welt.              ch / Foto: ch

 

Info: David Salz zeichnet derzeit seine Erinnerungen auf, die von einem Co-Autor zu Papier gebracht werden. Noch wird ein Verlag gesucht, der dies als Buch veröffentlicht.


Abgestimmt

Eigentlich waren die Kochshows im Fernsehen bereits totgesagt.
Doch noch immer flimmern fast täglich Brutzelsendungen über
den Bildschirm. Was denken Sie? Gibt es zu viele Kochshows?

Foto: dpa

Zu viele Kochshows?

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Orient unter Kuppeln

Freilichttheater in Stetten feiert 50-jähriges Bestehen mit Festakt und Premieren


In diesem Jahr feiert das Theater unter den Kuppeln (TudK) im Gräb­leswiesenweg im Leinfelden-Echterdinger Stadtteil Stetten 50-jähriges Bestehen. Am 19. September findet ein Festakt statt, davor stehen die Premieren des Kinderstücks „Aladdin und die Wunderlampe“ sowie des Musicals „Aida“ an.

Gleich zweimal ist der Orient Thema auf der Freilichtbühne des TudK. Am Sonntag, 17. Mai, 15 Uhr, geht erstmals der Vorhang auf für das Kinderstück „Aladdin und die Wunderlampe“, bei dem Semjohn Dolmetsch und Evelyn Brenner Regie führen. Dolmetsch, ein Eigengewächs des Theaters, studiert in Stuttgart Schauspiel und Theaterpädagogik. Er und Brenner haben den Stoff um Aladdin, Jasmina, den Zauberer und die magische Öllampe so modifiziert, dass möglichst viele Kinder aus dem Ensemble auftreten können. Im TudK-Stück gibt es beispielsweise mehr Palastwachen als im Original, es sind Marktfrauen und Händler, ein kleiner Dieb und Schlangenbeschwörer zusätzlich zu sehen, ebenso eine sprechende Kugel, die als Erzählerin fungiert, und ein Muezzin. Letzterer ruft auf Arabisch, während der Flaschengeist Schwäbisch spricht. Insgesamt stehen 80 Ensemblemitglieder auf der Bühne, der jüngste Mime ist vier, die älteste Darstellerin 70 Jahre alt. Jede Rolle ist doppelt besetzt. Das Stück richtet sich an Kinder ab dem Grundschulalter.

Michael Hartusch hat für die erwachsenen Besucher das Musical „Aida“ inszeniert. Ihn hat die musikalische Vielfalt mit Soul, Rock, Pop und Gospel fasziniert. Die Geschichte erinnere ihn ein wenig an Romeo und Julia, sagt er. Die Auflage des Rechteinhabers Disney, das Stück dürfe nicht zu stark dem Original gleichen, kam den Stettener Theatermachern entgegen: In die Geschichte um die zum Scheitern verurteilte Liebe zwischen dem Pharaosohn Radames und der jungen Sklavin Aida hat Hartusch ein Happy End eingebaut. In Aida spielen 80 Ensemblemitglieder, darunter 25 Tänzer aus der eigenen Tanzschule. 14 Musiker unter der Leitung von Sylvio Zondler spielen im frisch renovierten Orchestergraben.

Das Freilichttheater ist aus dem Kulturverein Naturtheater Stetten hervorgegangen. Werner Steck, der auch Feuerwehrmann war, begann mit Aufführungen Geld für die Anschaffung eines neuen Löschwagens zu sammeln. Das kam so gut an, dass sich das Theaterspielen fortsetzte und man einen Verein gründete. Im Lauf der Jahre vergrößerte sich das Theater, der Zuschauerraum wurde überdacht und es entwickelte sich ein Mehrspartenhaus mit großem Theaterhaus, überdachter Freilichtbühne und Saalbühnen sowie einem vielfältigen Programm. 180 Mitglieder stemmen alles, was anfällt: Sie führen Regie, zimmern das Bühnenbild, schneidern Kostüme oder bewirten. Rund 24 000 Zuschauer sehen die Produktionen jedes Jahr.                bob / Foto: bob

 

Info: Aladdin und die Wunderlampe, 17. Mai bis 9. August, jeweils sonntags, 15 Uhr (Karten ab 8 Euro); Aida, 13. Juni bis 8. August, jeweils freitags und samstags, 20.30 Uhr (25. Juli, 15 Uhr; Karten ab 13 Euro an der Kasse und unter www.tudk.de.


Enzgärten erblühen

Gartenschau in Mühlacker eröffnet – Bis 13. September werden auf dem zehn Hektar großen Areal nicht nur Naturschönheiten geboten


Lavendel und Salbei, Rosen und Fackellilien – die vielfältige Schönheit von heimischer wie exotischer Flora präsentiert seit dem vergangenen Wochenende die Gartenschau entlang der renaturierten Enz in Mühlacker. Für die bis 13. September dauernde Schau wurden auf einer Fläche von zehn Hektar 20 000 Blumenzwiebeln und 19 000 Sommerblumen gepflanzt, hinzu kommen 1300 Graspflanzen und 4500 Stauden. Die Veranstalter erwarten 250 000 Besucher und haben bereits 15 000 Dauerkarten verkauft. Das ist mehr als die Hälfte der Einwohnerzahl der Stadt im Enzkreis, die 25 000 Einwohner zählt. „Von dieser Bilanz sind wir geradezu überwältigt“, sagt Oberbürgermeister Frank Schneider.

„Durch die Neugestaltung der Flächen links und rechts der Enz sind beeindruckende Frei- und Erholungsräume entstanden, die sich positiv auf die Lebenswelt der Menschen vor Ort auswirken werden“, sagt Tourismusminister Alexander Bonde (Grüne). Eine besondere Präsentation bekommt dort die Eiche, die in den Wäldern um Mühlacker eine weite Verbreitung hat. Imker zeigen, welche Blütenpflanzen eine besondere Bedeutung für Bienen haben. Auch ambitionierte Obst- und Gemüsegärtner bekommen Tipps, etwa zum ressourcenschonenden Anbau. Die Gartenschau Enzgärten in Mühlacker ist eine kleine Schau, ein sogenanntes Grünprojekt. Diese sind auf kleinere Kommunen zugeschnitten und finden alle zwei Jahre im Wechsel mit großen Landesgartenschauen statt. Die nächste große: 2016 in Öhringen (Hohenlohekreis).

Bunte Mühlräder begrüßen die Besucher in den Enzgärten, der Sommerflor blüht bereits. „Gärten, Beete, Ausstellungen sowie das vielseitige Ausstellungsprogramm sind von hoher Qualität“, preist OB Schneider die Schau an. Die Organisatoren rechnen auch mit Besuchern aus angrenzenden Ländern. In der Stadt selbst hat die Gartenschau bereits eine hohe Identifikation hervorgerufen. „Hunderte haben die Gestaltung von Gärten und das Veranstaltungsprogramm mit vorbereitet, Hunderte werden als Helfer dazu beitragen, dass die Gartenschau zu einem unvergesslichen Erlebnis wird“, sagt Schneider.

Fünf Jahre Planungs- und Ausführungsarbeit wurden bis zur Eröffnung geleistet. Dabei wurde auf bleibende Werte geachtet. „Die Gartenschau ist ein regionaler Impulsgeber, der Mühlacker auf Jahrzehnte prägen wird“, erklärt Bonde. Mühlacker hat entlang der renaturierten Enz eine grüne Mitte bekommen. Der Fluss, der kanalartig die Ortsteile Dürrmenz und Mühlacker geradezu voneinander trennte, ist nun zugänglich. Zugepflasterte oder brach liegende Flächen jenseits des Damms wichen einem Stadtpark mit hoher Aufenthaltsqualität. Bürgermeister Winfried Abicht, der auch Betriebsleiter der Gartenschau ist, spricht von einem „grünen Wohnzimmer“.

Zu den markanten Punkten der Daueranlagen zählen ein Aussichtshügel, der Rosen- und der Exotengarten, der Fontänenplatz und ein Platz, beschattet vom Laub der Maulbeerbäume. Kinder und Jugendliche bekommen großzügig Raum: ein neues Jugendhaus, einen weitläufigen Spielplatz sowie einen 400 Quadratmeter großen Skatepark. Handwerkliches Können und eine Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten demonstrieren die Schaugärten des Verbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau. Eine Rarität ist die Wasserfloristik auf der Stillen Enz. Auf schwimmenden Pontons präsentieren Floristen bis zu zwei Meter hohe Blumengebinde. Das Unterhaltungsprogramm der „Enzgärten“ umfasst mehr als 1000 Veranstaltungen. Zu den kulturellen Höhepunkten zählt Abicht Auftritte der Spider Murphy Gang (23. Mai), des Tenors Jay Alexander (5. Juni), der Kleinen Tierschau (27. Juni), von Stefanie Hertel (3. Juli) sowie „Fools Garden“ (1. August). Immer wider gibt es auch Thementage.              red / Foto: dpa

Öffnungszeiten: Die Gartenschau Enzgärten hat bis zum 13. September geöffnet. Die Kassen sind täglich von 9 bis 18.30 Uhr geöffnet, der Eintritt ins Gelände ist für Karteninhaber bis 20.30 Uhr möglich. Bis zum Einbruch der Dunkelheit und nach Ende einer Abendveranstaltung kann das Gelände über Drehkreuze verlassen werden.

Eintrittspreise: Tageskarte 11 Euro, Dauerkarte 70 Euro (ermäßigt 10/60 Euro), Kinder und Jugendliche zahlen 4/20 Euro. Es gibt Familienkarten in zwei Varianten (Tageskarte 13 oder 24 Euro).

Anreise: In Mühlacker halten IC-Züge, Regionalzüge und S-Bahnen (u. a. aus Bietigheim-Bissingen). Vom Bahnhof sind es 1000 Meter zum Gartenschaugelände, es verkehren auch Busse dorthin. Anreise mit dem Auto über die A 8, Ausfahrt Pforzheim-Ost, oder über die B 10.

www.gartenschau-muehlacker.de


Abgestimmt

Kinder- und Familienarmut hat in Deutschland einer
Bertelsmann-Studie zufolge alarmierende Ausmaße
angenommen. Staatliche Unterstützung gehe oft am Bedarf vorbei.
Müssen bedürftige Familien besser unterstützt werden?

Foto: dpa

Hilfesystem korrigieren?

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Immer am Trauf entlang

Der Hauptwanderweg 1 wurde schon vor 100 Jahren angelegt – Auch Kenner der Schwäbischen Alb entdecken Neues


Die Schwaben lieben ihre Alb, und das mit gutem Grund: Auf Schritt und Tritt begegnen einem dort faszinierende Landschaft, geologische Sensationen und geschichtliche Bezüge. Der „Schwäbische Alb Nordrandweg“ bietet zudem reihenweise spektakuläre Ausblicke. Von Donauwörth bis Tuttlingen zieht er sich insgesamt 350 Kilometer weit an der nördlichen Kante des Karstgebirges entlang. Die sportliche Etappenempfehlung gliedert die Strecke in 15 Tage; die Genussvariante geht von 20 bis 25 Tagen aus. Auch individuelle Planung ist möglich.

Zum ersten Kennenlernen bietet sich ein nahe gelegener Einstieg im Mittelteil an: Geislingen oder Bad Urach sind mit der Bahn bestens zu erreichen. Natürlich kennen Neckartalbewohner hier schon die meisten Attraktionen, dennoch werden sie vieles entdecken und können die Natur auf alle Sinne wirken lassen: Werktags begegnet man oft stundenlang keiner Menschenseele.

Überraschend wie der Wanderturm Hohe Warte im Wald tauchen immer wieder Geschichten auf. Biologe Hermann Weber, der schon seit 65 Jahren an der gleichen Stelle Vögel beobachtet, erzählt von Wanderfalken und Kletterern, von Uhus, Kolkraben und arabischen Falknern. Der Wirt eines Jugendgästehauses in Honau zeigt, wo vor seiner Haustür bis Ende der 60er-Jahre eine Zahnradbahn direkt die Alb erklomm. Und eine Krankengymnastin in Jungingen verrät, wie man bei der Schwarzen Madonna der örtlichen Wallfahrtskirche Energie tanken kann. Pferdegestüte, Kräutergärten und Pumpspeicherwerk säumen den Pfad ebenso wie Sagen und Legenden. Und immer wieder fasziniert die karge Heidelandschaft im Wechsel mit Wäldern und Wiesen. Auch die Flora belohnt auf dem ganzen Weg für genaues Hinschauen, von Orchideen über Silberdisteln bis hin zu Frühlingsenzian und Küchenschellen.

Manchmal führt der Weg Kilometer um Kilometer dicht am Albtrauf entlang, wo immer wieder geschwungene Holzliegestühle zur kurzen Pause mit grandiosem Ausblick einladen. Aussichtspunkte und schroffe Felsen gehen nicht aus. Daneben warten Märchenschlösser wie Lichtenstein, dessen Architektur von einem Roman Wilhelm Hauffs inspiriert war und das vor einigen Jahren als Kulisse für die Neuverfilmung von „Dornröschen“ diente. Oder die Burg Hohenzollern, die man auf dem Albtrauf „umwandert“ und dabei immer im Blick hat. Sie sitzt auf der Kuppel eines Zeugenbergs, der das Umland gerade deshalb überragt, weil er einst in einem Graben lag – ein schwer verständliches Phänomen für Laien.

Der Bergrutsch am Hirschkopf, eine noch junge geologische Sensation, sieht zunächst unscheinbar wie eine große Geröllhalde aus. Erst oben auf dem Trauf erschließt sich dank der Info-Tafeln, was 1983 geschehen ist: Auf einen Schlag rutschte auf der Länge von 600 Metern ein gewaltiges Stück des Albtraufs in die Tiefe, bis zu 32 Meter der Hochfläche brachen weg. Man blickt auf Risse, Gräben und einige Flächen, die wie mit dem Aufzug um ein paar Meter abgesackt sind, und gruselt sich – zumal ein Schild darauf hinweist, dass man grade auf einer unterhöhlten Bergkante stehe.

Nicht Naturgewalt, sondern Menschen und ihre Maschinen haben die Kuppe des knapp über 1000 Meter hohen Plettenbergs ausgehöhlt. Wanderer gehen am Steinbruch entlang und queren auf einer kleinen Fußgängerbrücke die Seilbahn, die die Ausbeute ins Tal zum Zementwerk Dotternhausen bringt. Dort befindet sich ein lohnendes Fossilienmuseum samt Klopfplatz, aber auch in der Natur stehen die Chancen gut, mit offenen Augen auf urzeitliche Spuren wie versteinerte Muscheln oder Ammoniten zu stoßen.

Gen Westen steigt der Weg weiter Richtung Lemberg, dem höchsten Punkt der Alb, im Osten säumen ihn unter anderem keltische Fundstellen und der römische Limes – jeder Abschnitt des HW1 hat seinen eigenen Reiz.           aia / Foto: aia

 

Info: Der Schwäbische Alb Nordrandweg ist als „Hauptwanderweg 1“ (HW1) des Schwäbischen Albvereins bereits im Jahr 1903 angelegt worden. Wegzeichen war von Anfang an das rote Dreieck, das Richtung Tuttlingen zeigt. Der Weg zählt zu den 15 „Top Trails of Germany“ und ist als „Qualitätsweg wanderbares Deutschland“ ausgezeichnet. Kartenmaterial und Wanderführer gibt es beim Schwäbischen Albverein; aus dessen Wander-Datenbank im Internet kann man auch die GPS-Daten herunterladen. Im Internet unter www.schwaebischealb.de sind Unterkünfte verzeichnet.