Oh du fröhliche . . .

Weihnachtszeit kann auch Krisenzeit sein – Strukturen können helfen


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Die Weihnachtszeit gilt als Zeit der Besinnung, der Familie, der Nähe der Menschen zueinander – aber auch als eine Phase, in der Sorgen aufbrechen, Streit aufkommt und Konflikte eskalieren können. Man kann sich jedoch vorbereiten und damit Stress vermeiden.

Kommt die Weihnachtszeit, registrieren Therapeuten und Beratungsstellen ein Ansteigen von Problemen: Familien streiten, Kinder aus Trennungsfamilien werden hin und her gezerrt oder mit dem neuen Partner eines Elternteils konfrontiert, im schlimmsten Fall kommt es zu Gewalt. Die Festtage und die Zeit zwischen den Jahren sind nicht einfach – dieses Fazit zieht Martina Rudolph-Zeller, die stellvertretende Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart. Anrufe häufen sich in dieser Zeit: Wobei der Heilige Abend weniger im Fokus stehe als die Weihnachtsfeiertage und die Tage danach. Während es an den Festtagen genug Ablenkung durch Veranstaltungen von Vereinen oder den Kirchengemeinden gibt, sind die nachfolgenden Tage ohne ablenkende Angebote. „Ruhe und tote Städte werfen die Menschen auf sich selbst zurück“, sagt Rudolph-Zeller. Oft sind es Alleinstehende, denen die Decke auf den Kopf fällt. Die Ehrenamtlichen an den Telefonen hören zu, Ratschläge geben sie jedoch nicht. „In den Gesprächen kommen die Menschen oft selbst auf Lösungsvorschläge“, sagt Rudolph-Zeller.

Zum Beispiel einen Spaziergang zu machen. Wichtig sei, aus der passiven Rolle ins Handeln zu kommen. Die Therapeutin und Sozialpädagogin sieht den Grund für Frustrationen in den Erwartungen, die die Menschen an die Weihnachtszeit haben. „Alles soll perfekt sein. Glück und Harmonie sollen herrschen.“ So sieht es auch die Familientherapeutin Renate Frey. Sie arbeitet bei der Psychologischen Beratungsstelle für Familie und Jugend des Landkreises und weiß: „Zu den Festtagen kommen Menschen zusammen, die sonst nicht so viel Zeit miteinander verbringen.“ Zuweilen sind vier Generationen unter einem Dach. Da gelte es vorzusorgen. Frey rät, die Tage zu strukturieren. Es müsse die Balance gehalten werden zwischen dem Beisammensein und den Freiräumen für jeden Einzelnen, sagt sie und ermuntert die jeweiligen Gastgeber der Festtage, diese Strukturen vorzugeben.

„Das kann ein Spaziergang nach dem Essen sein, eine Stunde Ruhe für jeden. Oder jemand liest vor.“ Frey rät Erwachsenen, Kinder nicht zu sehr mit „Programm“ zu behelligen. „Kinder genießen es, wenn man ohne Vorgaben Zeit mit ihnen verbringt, wenn man mit ihnen spielt oder liest.“ Dort, wo die Familie auseinandergebrochen ist, sollten die Elternteile ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Um Frustrationen zu vermeiden, helfe es, abwechselnd Heiligabend, Weihnachtsfeiertage und Silvester mit den Kindern zu verbringen. Wer nicht mit seinen Kindern feiert, dem helfen neue Formen des Feierns – zum Beispiel mit Freunden oder Verwandten.        bob

Info: Telefonseelsorge Stuttgart t 08 00/1 11 01 11 oder t 08 00/ 1 11 02 22, Psychologische Beratungsstelle des Landkreises: t 07 11/ 39 02-26 71 oder -28 28.


„Ruhe, Arbeit und Frieden“

Flüchtlingen im Landkreis ist wenig zum Feiern zumute – Weihnachtsgeschenke nur für die Kinder


Foto: pst

Weihnachten scheint kaum denkbar ohne Lichterketten und leuchtende Sterne, Nikolausmützen und Menschen im Einkaufsstress, süßliche Lieder aus dem Radio und Glücksversprechen aus der Fernsehwerbung, geschmückte Christbäume und die Hoffnung auf eine friedliche Stimmung an einem reich gedeckten Tisch. Doch etliche Menschen im Landkreis treiben ganz andere Sorgen um. Geflohen vor Krieg und Terror, verfolgt und bedroht wegen ihrer Volkszugehörigkeit oder ihrer religiösen Überzeugungen mussten sie ihre Heimat verlassen und konnten dabei vielfach nur das nackte Leben retten. Nach Feiern ist diesen Menschen nicht zumute.

Die Wände sind kahl im Gemeinschaftsraum im Flüchtlingsheim in der Charlottenstraße in Kirchheim, lediglich einige Kinderzeichnungen setzen Farbtupfer. Kein geschmückter Baum, keine Gestecke, keine Kerzen – nichts deutet auf eine festliche Zeit hin.

Etwa 280 Menschen leben derzeit im Kirchheimer Flüchtlingsheim. Sie stammen aus Syrien, dem Iran und dem Irak, aus Afghanistan und Pakistan, aus afrikanischen Ländern und aus Tschetschenien. Pro Person stehen rechnerisch 4,5 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung, manchmal sitzt eine vierköpfige Familie in einem 14-Quadratmeter-Zimmer aufeinander. „Gemessen an dieser Enge, an den vielen unterschiedlichen Kulturen und vor allem wenn man betrachtet, welche Erfahrungen die Menschen gemacht haben und welche Traumatisierung viele erlitten haben, ist es ein sehr gutes Zusammenleben hier“, sagt Jutta Woditsch, Sozialarbeiterin bei der AWO, die die Menschen im Heim betreut. Friedlich sei es, doch gefeiert werde nicht. „Die Leute haben andere Sorgen“, sagt Woditsch.

Ibrahim* illustriert das. „Wir sind schon seit zehn Monaten in Deutschland und wir haben immer noch keine Antwort vom Bundesamt. Ich kann nichts tun, nur sitzen und warten und hoffen“, sagt er und hebt wie zur Bestätigung seiner Hilflosigkeit die Hände.

Ibrahim stammt aus Syrien, hat als Mathematiklehrer gearbeitet und spricht recht gut deutsch. Die Familie besaß ein Haus in einem Ort nahe der Hauptstadt Damaskus, gehörte zur gebildeten Mittelschicht des Landes. „Dann kamen die Soldaten, die Flugzeuge, der Krieg, mit aller Macht“, berichtet Ibrahim mit leiser Stimme und erzählt von Fassbomben, Zerstörungen, wahllosem Töten. Die Familie hat es in die relative Sicherheit Westeuropas geschafft, rechtzeitig noch. „Aber was ist mit unseren Freunden, unserem Haus? Wir wissen gar nichts.“ Als Muslime würden sie zwar keine Weihnachten im christlichen Sinn feiern, doch sei in der Heimat zumindest in den Städten zu der Zeit  immer auch eine festliche Stimmung zu spüren gewesen. „Aber jetzt? Es ist nur traurig“, sagt Ibrahim.

Für Victoria* sieht das ganz ähnlich aus. Sie stammt aus Nigeria und ist mit ihren zwei kleinen Töchtern auf lebensgefährlichen Wegen nach Kirchheim gekommen, „über das Meer“, sagt sie nur. Sie ist Christin und wird an Weihnachten zur Kirche gehen und beten, für ihre Kinder, für den Frieden in ihrer Heimat. Feiern wird sie nicht.

Auch im Heim in der Rennstraße in Esslingen herrscht eine nüchterne Stimmung. 105 Flüchtlinge leben dort, manche sind erst seit kurzer Zeit der Verfolgung oder dem Terror in ihren Heimatländern entronnen. Die Traumatisierung und die emotionale Belastung sind meist stark, über Fluchtgründe oder die Wege wird daher nicht gesprochen. Brunhilde Burgmann und ihre Mitstreiter vom ökumenischen Arbeitskreis Asyl, die sich ehrenamtlich um die Menschen kümmern, haben kürzlich im katholischen Gemeindehaus in Berkheim eine Nikolausfeier für die Flüchtlingsfamilien auf die Beine gestellt. Im Heim in der Rennstraße aber findet Weihnachten nur in einigen Familien statt. „Wir sind Muslime. Bis vor wenigen Monaten haben wir das überhaupt nicht gekannt. Der Schmuck in den Straßen ist zwar schön, aber ich habe keine Beziehung dazu“, lässt eine Frau aus Pakistan übersetzen.

Derya* stammt aus der Türkei, sie kennt Weihnachten. Sie ist zwar Muslima, begeistert sich aber an der Atmosphäre und besucht gerne Weihnachtsmärkte. „Wenn wir eine Wohnung hätten, würde ich auch einen Baum aufstellen und schmücken, schon für die Kinder“, sagt sie.

Auch in der Familie der jungen Afghanin, die mit am Tisch sitzt, wird sich Weihnachten für die Kinder etwas abheben. „Für sie gibt es ein besonderes Essen und ein kleines Fest. Und natürlich Geschenke. Die gab es auch schon zum Zuckerfest. Den Kindern geht es ziemlich gut“, sagt sie.

Den klassischen Wunschzettel zum Fest wird man allerdings in den Heimen nicht finden. Die Wünsche der Menschen, die im Landkreis Zuflucht gefunden haben, lassen sich nicht mit einem Besuch im Kaufhaus befriedigen und sind doch so einfach und fast existenziell. „Gesundheit, Ruhe und Arbeit. Ich bin Friseurin, ich liebe diese Arbeit und möchte meine Kinder ernähren können“, sagt Victoria in Kirchheim. „Zur Schule gehen, lernen, eine Ausbildung machen“ – Wünsche, die eine junge Afghanin in Kirchheim und eine Pakistani in Esslingen einen. Ibrahim versucht, es auf den Punkt zu bringen. „Ein einfaches, normales Leben, eine Wohnung und Arbeit, das ist alles. Frieden, in meiner Heimat und in der Welt.“             pst

* Die Namen der Flüchtlinge sind zu ihrem Schutz geändert worden.


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Lärm bleibt in Grenzen

Betonteile für Fildertunnel: Noch zögerliche Verladung von Tübbingen in Altbach


Anfang November sind in Altbach die ersten Züge mit Tübbingen eingetroffen – großen Betonfertigteilen für den Fildertunnel der Bahnstrecke Stuttgart–Ulm. Da bisher weit weniger Tübbinge angeliefert werden als angekündigt, werden sie tagsüber verladen. Aber sobald die Tunnelbohrmaschine richtig auf Touren ist, sind drei Züge pro Woche vorgesehen. Dann ist Nachtarbeit angesagt. Der Lärm scheint sich aber in Grenzen zu halten.

Die großen, rund elf Tonnen schweren Betonteile kommen auf Zugwaggons von der Oberpfalz nach Altbach. Dort werden sie auf einer Verladestelle neben dem Bahnhof auf Lastwagen umgesetzt und zur Fildertunnel-Baustelle beim Echterdinger Ei gekarrt. Insgesamt werden 53 000 Tunnel-Betonteile und damit 23 000 Lkw-Fahrten benötigt, die mindestens bis November 2017 andauern. Die Alternative war, die Bauteile zum Auskleiden der Tunnelröhre direkt vor Ort an der Baustelle zu produzieren. Das wurde jedoch nicht genehmigt.

Im Altbacher Gemeinderat hatte die Verladung im Vorfeld für Empörung gesorgt, allein schon deshalb, weil die Verwaltung nicht von der Bahn informiert worden war, sondern aus der Presse davon erfuhr. Zudem befürchtete man eine nächtliche Lärmbelastung der Anwohner. Die nächstgelegenen Wohnhäuser im Bereich Esslinger Straße und Haldenrainweg sind rund 150 Meter entfernt. Mittlerweile sind die Bedenken aber kleiner geworden. Ein Lärmgutachten habe ergeben, dass die Richtwerte für die Nacht überall eingehalten würden, außer im siebten Stock des Hochhauses am Kreisverkehr, bestätigt Altbachs Bürgermeister Wolfgang Benignus – aber der „harte Grenzwert“ wird den Berechnungen zufolge auch dort nicht überschritten. Benignus war selbst bei einer Verladung vor Ort und hat festgestellt, dass die Geräusche „tagsüber eigentlich nicht ins Gewicht“ fallen. Nachts, bei weniger Umgebungslärm, könne das natürlich anders sein. Die beauftragte Firma hat zugesichert, auf den Piepston beim Rückwärtsfahren zu verzichten und die Geräusche beim Umsetzen der Betonteile durch Gummimatten zu dämpfen. Zudem soll ein neuer, besonders leiser Gabelstapler aus Schweden eingesetzt werden, der momentan allerdings noch auf sich warten lässt.

Noch passiert ohnehin nicht viel am Ladeplatz: Am 11. Dezember ist ein Zug mit Tübbingen angekommen, der nächste ist erst für den 7. Januar angekündigt. Das liege daran, dass die Tunnelvortriebsmaschine noch nicht auf Hochtouren laufe, erklärt Reinhold Willing, Sprecher des Bahnprojektes Stuttgart–Ulm. Diese Maschinen seien Unikate, für die jeweilige Baustelle angefertigt, weshalb noch viel Feinjustierung notwendig sei. Angelaufen ist die Maschine mit dem Namen „Suse“ mit gut zwei Wochen Verspätung Ende November. „Wenn sie sich eingefahren hat, dann werden auch die drei angekündigten Güterzüge pro Woche nötig sein“, so Willing.   aia / Foto: aia


Fast so intensiv wie in der Kindheit

Für Mesnerinnen und Mesner ist der Advent spannend und arbeitsreich – Momente der Stille erleben und genießen


Mesnerinnen und Mesner, ob katholisch oder evangelisch, haben im Advent alle Hände voll zu tun. Gottesdienste, Konzerte und Krippenspiel wollen vorbereitet, das Gotteshaus passend dekoriert sein. Klaus Hauber und Alexandra Kohl, die mit dem Wochenblatt ECHO über ihre Vorweihnachtszeit gesprochen haben, empfinden diese Arbeit nicht als Belastung, sondern als Bereicherung, die sie die Vorweihnachtszeit besonders intensiv erleben lässt.

Weihnachten hat zwei Gesichter: Kommerz und Nächstenliebe, hektischer Trubel und innere Einkehr. Klaus Hauber, der in der evangelischen Stadtkirche St. Laurentius in Nürtingen Mesner ist, erlebt diesen Kontrast jedes Jahr ganz direkt. Denn der Weihnachtsmarkt, der im Dezember zehn Tage lang rund um die Kirche stattfindet, strahlt bis in deren Innenraum ab. „Sie hören die Musik vom Karussell, Sie hören Stimmen und merken, draußen ist ganz viel los“, erzählt Hauber. Ihn stört das nicht, er lässt sich – Kommerz hin oder her – von der Stimmung berühren und wünscht sich manchmal, dass mehr Menschen den Weg ins Gotteshaus finden würden. Zum Beispiel zu den Adventsmomenten, die in der Marktzeit täglich zu einer besinnlichen halben Stunde einladen. Der Mesner freut sich, wenn Eltern oder Großeltern mit den Kindern die Krippenausstellung anschauen, oder wenn die Lichterkönigin Lucia mit ihrem weiß gekleideten Gefolge und vielen Kerzen in die Kirche kommt: „Das ist ein wunderschönes Bild.“

Leben in der Kirche findet er schön, auch wenn es Arbeit mit sich bringt. Schon Wochen vor dem Weihnachtsmarkt wurden Postkarten, Kalender und Kerzen bestellt, um sie für einen guten Zweck verkaufen zu können. Tannenbäume und Tische für die Krippen werden aufgestellt, der Adventskranz mit großen Kerzen bestückt und aufgehängt. Der Christbaum kommt ganz traditionell erst am 22. Dezember in die Kirche. „Da braucht man vier robuste Männer zum Tragen“, sagt Hauber, der den Baum dann mit Strohsternen schmückt.

Die Anspannung ist vor allem bei den gut besuchten Gottesdiensten am Heiligen Abend riesengroß. Dann bangt Hauber, ob alles gut geht, ob nicht jemand krank wird oder ein Notfall eintritt. „Aber ich genieße es dann auch, wenn ein Gottesdienst schön ist oder wenn die Musik schön ist“, sagt er. Richtig baden könne man in dieser Musik, sagt er, auch bei den Schulkonzerten im Advent.

Beim Krippenspiel am Nachmittag des 24. Dezember „geht es zu wie im Ameisenhaufen“. Beim Abendgottesdienst ab 18 Uhr wird das letzte Lied ohne Licht, nur im Kerzenschein, gesungen. Und beim Nachtgottesdienst spürt er, dass von den meisten Menschen die Spannung abgefallen ist, dass sie freudig und dankbar kommen. Er selbst verbringt meistens den ganzen Heiligen Abend in der Kirche. Vielleicht macht er am Abend einen Abstecher nach Hause, aber dort wartet keine Familie auf ihn. Oft bleibt er durchgehend in der Kirche und erlebt einen echten Moment der Stille. Eigentlich, sagt Klaus Hauber, finde er „in Weihnachten erst rein, seitdem ich hier Mesner bin“. Natürlich war das Christfest für ihn immer wichtig. Aber der emotionale Bezug, wie er ihn als Kind hatte, ist erst in St. Laurentius wieder gewachsen.

„Man nimmt die Adventszeit intensiver wahr“, sagt auch Alexandra Kohl, die in der katholischen Kirche St. Josef in Esslingen-Hohenkreuz nebenberuflich als Teil des vierköpfigen Mesnerteams tätig ist. Von Arbeit möchte die 45-Jährige in diesem Zusammenhang nicht sprechen, lieber von einem „Dienst am Herrn und an der Gemeinde“. Und auch wenn im Advent deutlich mehr als sonst zu tun ist, gelingt es ihr besser als früher, der vorweihnachtlichen Hektik zu entkommen. „Ich merke, wie gut das tut, Pause vom Alltagsleben zu machen, und wie du daraus Kraft schöpfst“, sagt sie. Dabei hilft ihr das „Morgenlob“ zum Sonnenaufgang in der Kirche ebenso wie die „klangvolle Stille“ am frühen Abend mit meditativer Musik. Oft setzt sich die Mesnerin, die berufstätig ist, nach der Arbeit noch in die Kirche, die mit ihrem kunstvollen Auferstehungsfenster im Altarraum meditative Ruhe ausstrahlt.

Natürlich kennt auch Alexandra Kohl die Anspannung und die zusätzlichen Dinge, die zu tun sind. Je näher Weihnachten rückt, desto voller wird die Kirche. Die Heizung muss richtig programmiert sein, viele Kerzen brennen, die Stühle werden zusammengerückt. Aber all das führt zu bewegenden, sinnlichen Momenten, zum Beispiel, wenn das Friedenslicht aus Bethlehem am dritten Advent in die Kirche getragen wird oder beim Krippenspiel. „Da geht das Herz auf, das macht mir richtig Freude“, sagt Alexandra Kohl.

Sie spüre heute mehr als früher, wenn Weihnachten näher rückt, sagt sie. Und bemerkt mit einem Seitenblick auf die Besucherin von der Zeitung: „Wenn Sie eine Auszeit brauchen – wir haben am Sonntag klangvolle Stille.“                                 aia / Fotos: aia


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Weihnachtsmärkte, lichtergeschmückte Straßen, volle Kaufhäuser –
die Vorweihnachtszeit ist eine umtriebige Zeit. Gibt es da genug
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Genug Advent?

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Lesen im Müll der ersten Kirchheimer

Archäologen legen am Hegelesberg 7000 Jahre alte Siedlung frei – „Diese Funde sind geradezu anrührend“

Seit geraumer Zeit ist bekannt, dass der Untergrund im Gebiet Hegelesberg am westlichen Stadtrand von Kirchheim einige Überraschungen birgt. Da dort ein Gewerbegebiet entstehen soll, gehen Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart der Sache seit vergangenem Juni auf den Grund. Bei ihren Grabungen haben sie die Spuren eines Dorfs aus der Jungsteinzeit aufgedeckt und festgestellt, dass die heutige Kirchheimer Gemarkung bereits vor etwa 7000 Jahren besiedelt war. Bei einer Begehung mit Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker haben die Forscher ihre Erkenntnisse vorgestellt.

Bereits seit einigen Jahren wird vermutet, dass sich im Boden am Hegelesberg Siedlungsspuren finden lassen. Nach der Entscheidung, dort ein Gewerbegebiet zu erschließen, untersuchten Archäologen das Gelände systematisch. Und sie wurden fündig. Auf einer Fläche von 25 000 Quadratmetern verbergen sich im Lößboden des Hegelesbergs die Reste einer Siedlung aus der Jungsteinzeit. Bei den Untersuchungen bedienten sich die Wissenschaftler moderner Technologie. So kam auch eine Drohne zum Einsatz, die mit einer Hochleistungskamera bestückt eine millimetergenaue Vermessung des Geländes ermöglicht.

Seit Juni wird das Gebiet in einer Flächengrabung erforscht und die ersten Ergebnisse gelten als wissenschaftliche Sensation. „Die Siedlung stammt etwa aus der zweiten Hälfte des sechsten Jahrtausends vor Christus und es handelt sich um die größte jungsteinzeitliche Siedlung, die je im Südwesten gefunden worden ist“, sagte der Grabungsleiter Jörg Bofinger.

Nach den Erkenntnissen der Archäologen stand das Dorf am Rand einer Rodungsinsel in einem dicht bewaldeten Gebiet. Die vermutlich etwa 100 Menschen lebten in bis zu 30 Meter langen Häusern, die in Wohn- und Arbeitsbereiche sowie Speicher aufgeteilt und zu Gehöften gruppiert waren. „Es war klar eine sesshafte Gruppe mit bäuerlicher Lebensweise, mit Tierhaltung und Ackerbau“, sagte Bofinger.

Acht solcher Langhäuser haben die Forscher bereits mit Hilfe der aufgespürten Pfostenlöcher lokalisiert. Anhand einiger Funde entschlüsselten die Archäologen auch, dass die Häuser aus Flechtwerk bestanden, das mit dem Lehm des Bodens direkt neben den Häusern verputzt wurde. „Aber weil solche Lehmgruben mitten im Dorf extrem unpraktisch sind, wurden sie wieder verfüllt, und zwar mit Siedlungsabfall jeglicher Art“, erläuterte Bofinger. Diese Abfallgruben erwiesen sich für die Archäologen als wahre Schatzkammern.
So wurde dort viel organisches Material hineingeworfen, das mit den Jahrtausenden verrottete. Dieser schwarze Humus grenzt sich deutlich vom umgebenden gelben Lößboden ab, die Siedlungsstruktur wird so am Grabungsprofil lesbar.

Als noch wichtiger jedoch erweist sich, dass die ersten Kirchheimer nicht nur ihre Küchenabfälle, sondern alles, was zerbrochen oder sonst unbrauchbar war, in die Gruben warfen. „Dort haben wir wichtige Funde geborgen, die uns vieles über die Menschen erzählen“, sagte Bofinger. So förderten die Archäologen eine ganze Reihe Scherben von Töpfen und Vorratsgefäßen aus Ton aus dem Boden, die den Besiedlungszeitraum auf dem Hegelesberg recht genau eingrenzen lassen. „Da die frühen Kulturen keine Schrift hinterlassen haben, müssen wir Archäologen uns mit der Keramik behelfen“, erzählte Bofinger. Demnach gehörten die Bewohner der Langhäuser der linearbandkeramischen Kultur an, die ihre Keramik auf sehr spezifische Art verzierte und während des sechsten Jahrtausends vor Christus in einem Zeitraum von etwa 600 Jahren ihre Spuren in einem Gebiet vom heutigen Ungarn bis in die Gegend von Paris hinterließ.

Die Archäologen förderten auch Stücke zutage, die zu einer Getreidemühle gehörten, sowie einen bearbeiteten Stein, der sich als Spezialwerkzeug zum Glätten von Pfeilschäften erwies. Wenig verwunderlich für eine jungsteinzeitliche Kultur sind die Klingen und Schaber aus Feuerstein. Die zeigen jedoch auch, dass die Menschen vom Hegelesberg nicht isoliert gelebt haben. „Die Feuersteine stammen von der Schwäbischen Alb. Wir dürfen also davon ausgehen, dass die Bewohner des Dorfs Handelsbeziehungen mit anderen Gemeinschaften hatten“, sagte Bofinger.

Die Grabung wird insgesamt etwa 500 000 Euro kosten, 356 000 Euro wird die Stadt Kirchheim übernehmen. „Diese Funde sind geradezu anrührend, zeigen sie doch auch, wo wir herkommen“, sagte Angelika Matt-Heidecker. Anfang 2015 soll dann mit den Erschließungsarbeiten für das Gewerbegebiet begonnen werden, die freigelegten Überreste sollen ins Archäologische Landesarchiv kommen.               pst / Fotos: dpa


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Die CDU hat in einem Mitgliederentscheid Guido Wolf zum Spitzenkandidaten
für die baden-württembergische Landtagswahl 2016 gekürt. Ist Wolf der richtige
Herausforderer für Ministerpräsident Winfried Kretschmann?

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Lese-Tipps für den Wunschzettel

Das ECHO hat sich vor Weihnachten die Neuigkeiten am hiesigen Büchermarkt genau angeschaut


Wie soll Weihnachten werden? Fantasievoll, heiter, aussichtsreich, nachdenklich oder spannend? Nun, für alle die genannten Fälle hat die ECHO-Redaktion einen Buchtipp parat. Also, hurtig den Wunschzettel ergänzt und dann zur Post gebracht. Damit das Christkind eine Chance hat, die Bücher rechtzeitig zum Weihnachtsfest zu besorgen.

 

Jo und ihre Familie erben ein kleines Häuschen an der dänischen Küste. Die alte Nachbarin Bente warnt das Mädchen vor dem Meer, den wandernden Toten und den bösen „Fischblütern“, die nachts an Land kriechen. Doch wer glaubt schon an Schauergeschichten? Die vernünftige Jo jedenfalls nicht. Zumindest noch nicht . . . Nina Blazons Roman „Lillesang – Das Geheimnis der dunklen Nixe“ für Jungen und Mädchen ab einem Alter von zehn Jahren glänzt nicht nur durch seinen Einband. Liebenswerte und schaurige Figuren treffen in einer fantasievoll und detailreich geschilderten Kulisse aufeinander, die spannende Geschichte zieht sofort in den Bann.

Nina Blazon: Lillesang – Das Geheimnis der dunklen Nixe, cbt Verlag, München

 

Schenkt man dem gängigen Vorurteil Glauben, der Schwabe sei ein sparsamer Charakter, dann liegt der Gedanke nahe, dass eine „Schwäbische Bescherung“ nicht allzu üppig ausfallen kann. Die Anthologie mit dem gleichnamigen Titel aus dem Silberburg-Verlag beweist das Gegenteil, zumindest was den kreativen Umgang mit dem Thema Weihnachten angeht. Manfred Zach, Bernd Kohlhepp, Manfred Eichhorn, Eberhard Rapp und viele andere steuerten Gedichte und Geschichten bei, die einen etwas anderen Blick auf das Weihnachtsfest gewähren. In den bisher unveröffentlichten Werken stranden Backengel auf der Erde, wird Hirten auf der Schwäbischen Alb die Geburt Jesu verkündet und gerät so mancher Heiligabend aus den festlichen Fugen.

Diverse Autoren: Schwäbische Bescherung, Silberburg Verlag, Tübingen

Ob es in diesem Jahr eine weiße Weihnacht geben wird, darüber sind sich die Meteorologen noch uneinig. Eine Wanderung entlang dem Albtrauf ist jedoch auch ohne knirschenden Schnee unter den Füßen ein beeindruckendes Erlebnis. Walter Brenner hat in dem Buch „Den Albtrauf im Blick“ 30 Touren zusammengestellt, die den Wanderfreunden fantastische Ausblicke ermöglichen. Tourensteckbriefe und Karten erleichtern die Planung. Die Schilderung des Wegeverlaufs ist mit interessanten Informationen zur jeweiligen Region gespickt, die reiche Bebilderung sowie nützliche Tipps zu Sehenswürdigkeiten und Einkehrmöglichkeiten wecken die Vorfreude auf den Ausflug.

Walter Brenner: Den Albtrauf im Blick, Silberburg Verlag, Tübingen

 

Der Alltag ist dröge, trist, langweilig, so gänzlich ohne Höhepunkte? Nicht, wenn man die Welt durch die Augen von Peter Ertle sieht. Der in Tübingen lebende Autor ist ein Meister darin, unscheinbaren Dingen, Themen und Sätzen eine Geschichte zu entlocken. Er erkundet seine Umwelt mit scharfer Beobachtungsgabe und gespitztem Ohr, bevor er die Petitessen durch launig-schräge Analyse so lange hin und  her wendet, bis sie ihre Skurrilität offenbaren. Wer also mehr über das Paarungsverhalten von Fruchtfliegen, die Wahrheit über Passantenzusammenstöße oder die soziokulturelle Geschichte des Mitführgetränks erfahren oder einfach nur Kürzestgeschichten zum Schmunzeln lesen will, dem sei „Der Mond im Ei“ empfohlen.

Peter Ertle: Der Mond im Ei – Geschichten für Menschen in mittelhohen Häusern, Klöpfer & Meyer, Tübingen

 

Schon zu Schulzeiten hatten sich Simon und Charlie versprochen, ein Buch „Die goldenen Äpfel der Hesperiden“ zu schreiben. Jahrzehnte später ist Simon tot und Kunstlehrer Charlie nützt die Auszeit vom Schuldienst, um nach Teneriffa zu reisen und dieses Versprechen einzulösen. Im Gepäck hat er nicht nur das Notizbuch des Freundes, sondern auch die Gedanken an die Trennung von seiner Frau, die Trauer um den Verstorbenen, Selbstfindungsgewölk und allerhand philosophische Fragen. Ein Pageturner ist es nicht, den Thomas Vogel da geschrieben hat. Sein Buch ist inhaltsschwer, regt zum Nachdenken an, seine Sprachmelodie wirkt so richtig im Nachklang. Es ist ein Buch zum Genießen, in kleineren oder etwas größeren Häppchen. So gelesen kann es seine Unterhaltungswirkung richtig entfalten.

Thomas Vogel: Die goldenen Äpfel der Hesperiden, Klöpfer & Meyer, Tübingen

 

Mörderisches Esslingen: In der Szenekneipe 4peh wird ein ermordeter Mann gefunden. Es ist Kiddu, ein Asylbewerber, und ausgerechnet Kriminalkommissar Kemmler, dem Ausländerfeindlichkeit nachgesagt wird, leitet die Ermittlungen. Zeitgleich bekommt die Stuttgarter Kriminalhauptkommissarin Anita Schenk vom Innenminister den Auftrag, einen fast vierzig Jahre zurückliegenden Mord an einem Richter zu untersuchen. Ob diese Fälle zusammenhängen? Der in Stuttgart lebende Autor Jochen Bender schickt seine Ermittlerin in einen hochkomplexen Fall aus politischen Intrigen und kaltblütigen Morden. Es gelingt ihm dabei, die verschiedenen Handlungsstränge spannend miteinander zu verweben und durch eine lockere Sprachbehandlung den Unterhaltungswert hochzuhalten.

Jochen Bender: Ein feiges Attentat, Oertel + Spörer, Reutlingen
on / Foto: on


Abgestimmt

Der Auftakt war vielversprechend: Als neuer, alter Coach hat
Huub Stevens den Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart zum
4:1 in Freiburg geführt. Schafft Stevens mit dem VfB auch den
Klassenverbleib? Stimmen Sie ab.

Foto: Robin Rudel

Schafft es Stevens?

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  • Ja! (43% )
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