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Stimmen Sie ab: Hat das Festnetz bald ausgedient?

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Festnetz ade?

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Vier Sterne für den Neckartal-Radweg

Der ADFC zeichnet die Route aus – Trotz aller Anstrengungen zur Aufwertung gilt es noch, Problemstellen zu beseitigen


Fast ohne Steigungen führt der Neckartal-Radweg vom Neckarursprung im Schwenninger Moos bis zur Rheinmündung in Mannheim. Nun ist dieser Radweg in die Liga der 51 Qualitätsradfernwege in Deutschland und Europa aufgestiegen: Er hat vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) die Auszeichnung als Vier-Sterne-Radweg erhalten. Sie gilt bis Ende 2017, dann wird eine erneute Zertifizierung fällig.

Die höchste Kategorie, die der ADFC vergibt, sind fünf Sterne. Diese hohe Messlatte haben bisher nur zwei Fernradwege geschafft: das „Liebliche Taubertal“ als einziger in Deutschland und der „Neusiedler See Radweg“ in Österreich. In Baden-Württemberg haben zudem der Südschwarzwald- und der Kocher-Jagst-Radweg die Vier-Sterne-Auszeichnung.

Bei der ersten Bewertung des Neckartal-Radwegs vor einem knappen Jahr wurden die vier Sterne noch knapp verfehlt. Also haben die 17 Partner der Marketingkooperation Neckartal-Radweg kurzfristig an Schwachstellen nachgebessert und so die Gesamtbewertung verbessert. Die Kooperation wurde im November 2013 gegründet, ihr gehören Landkreise, Städte und Tourismusgemeinschaften an, darunter auch der Landkreis Esslingen.

Der ADFC hat den Neckartal-Radweg in 50 Kilometer langen Tagesetappen bewertet, dabei zählte allein die Sicht des Radtouristen. Mit 15 Prozent floss die Befahrbarkeit ein: Kilometergenau wurde die Breite des Weges erfasst, bei Straßenabschnitten die Verkehrsfrequenz. Engstellen, Barrieren und Poller gaben Abzug.

Bei diesem Kriterium erreichte der Radweg drei Sterne. Bei der Oberfläche, ebenfalls mit 15 Prozent bewertet, waren es hingegen vier: Die Maximalbewertung gab es für glatten Asphalt, schlechter waren die Werte für Kopfsteinpflaster, schlecht verlegte Platten oder Sand. Auch ungesicherte Querrillen, große Löcher und Treppen wurden genau erhoben. Für die gute Wegweisung gab es volle fünf Sterne.

Bei der Routenführung überprüft der ADFC Lärm, Geruch und Staub, Umwege, Höhenmeter oder eine monotone Führung. Drei Sterne zogen die Wertung ebenso etwas nach unten wie die Drei-Sterne-Verkehrsbelastung. Dafür gab es für die touristische Infrastruktur die Maximalsterne: Bei Gastronomie und Unterkunft, Infotafeln, Abstellanlagen, Spiel- und Rastplätzen ist alles im grünen Bereich. Auch die Anbindung mit Bahn und Bus ist hervorragend. Für das Marketing, also Kartenmaterial, Internetpräsenz, Events und Pauschalen vergab der ADFC drei Sterne. Dabei wird ständig weiterentwickelt, kürzlich ist eine nagelneue Übersichtskarte erschienen in einer Auflage von 200 000 Stück.

Alexander Bonde, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, war bei der Übergabe der Auszeichnung vor einigen Wochen zugegen. Gemeinsam mit Verkehrsminister Winfried Hermann freue er sich über den verkehrspolitisch und touristisch großen Schritt, sagte er. Er hoffe, dass der Neckartal-Radweg zum Vorreiter werde. Die Geschäftsstelle des Neckartal-Radwegs ist beim ADFC in Stuttgart angesiedelt. Geleitet wird sie von Kathleen Lumma. Nach der Befahrung, sagte sie, habe der ADFC eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen erstellt. „Die Anlieger haben etliche Problemstellen beseitigt“, sagte sie. Doch noch immer gebe es solche auf die ganze Route verteilt. „Wir arbeiten daran.“ Ein Problem ist etwa, dass von Horb nach Rottenburg auf einer stark befahrenen Landesstraße gefahren werden muss. Manches braucht auch seine Zeit: In Heilbronn wird der Neckartal-Radweg durch das Gelände der Bundesgartenschau 2019 geführt. Zwischen Lauffen und Heilbronn wird ab 2017 eine neue Brücke gebaut.

Die Stadt Esslingen bereitet die Weiterführung des Radwegs vor, der bisher über die neue Brücke bis zum Hengstenbergareal führt. Er wird unter der Bahnlinie hindurch zurück zum Neckar fortgesetzt. Ist diese Verbindung gebaut, wird der Neckartal-Radweg über den Bahnhofsvorplatz geführt. Damit ist die Engstelle auf der Neckarseite des Bahnhofs beseitigt. Außerdem hofft die Stadt, so mehr Radtouristen zu einem Aufenthalt zu bewegen. In diesem Jahr soll zudem der Abschnitt zwischen dem Steg an der Eissporthalle und dem Hainbach erneuert werden. Ein Problem bleibt am Entennest beim Altbacher Kraftwerk, wo sich werktags Radfahrer und Lastwagen begegnen. In Nürtingen wird beklagt, dass Radtouristen an der Innenstadt vorbeigelotst werden. Auf der Gemarkung Oberboihingen ist eine Verlegung des Radwegs weg von der Landesstraße 1219 ans Neckarufer geplant, der Baubeginn aber nicht vor 2016.

Doch trotz solcher Problemstellen: So gut wie aktuell waren die 366 Kilometer Neckartal-Radweg in der Summe noch nie. „Das Land nimmt viel Geld in die Hand“, lobte Lumma.  „In drei Jahren kommen wir wieder“  – zur nächsten Zertifizierung.        pd/ch / Foto: pd

Info: Eine kostenlose Übersichtskarte vom Neckartal-Radweg gibt es bei der Geschäftsstelle Neckartal-Radweg, Reinsburgstraße 97 in Stuttgart, t 07 11/6 15 31 36, info@neckartalradweg-bw.de, www.neckartalradweg-bw.de


Abgestimmt

Wieder Tabellenletzter, nachdem gegen Freiburg eine 2:0-Führung
verspielt wurde: Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart taumelt der zweiten
Liga entgegen. Schafft der VfB trotzdem noch den Klassenverbleib?

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Schafft es der VfB?

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Auf der A 8 wird‘s eng

Bahn baut Tunnel bei Denkendorf – Dreieinhalb Jahre Bauzeit

Die Bauarbeiten für den Eisenbahntunnel Denkendorf, der unter der Autobahn 8 durchgeht, haben begonnen: Erdaushubarbeiten kennzeichnen die Positionen des Röhreneintritts und -austritts. Von der Autobahn aus wird der Tunnel von oben in den Boden gegraben. Den für Mai im Raum stehenden Starttermin für diese Arbeiten wollte die Bahn nicht bestätigen, will aber die Autofahrer rechtzeitig informieren. Denn damit beginnt eine rund dreieinhalb Jahre andauernde Phase der Behinderungen zwischen den Anschlussstellen Wendlingen und Esslingen. Der Neubau des Eisenbahntunnels gehört zum Planfeststellungsabschnitt 1.4 – Filderbereich und Wendlingen – der Neubaustrecke Stuttgart-Ulm, die wiederum an das Projekt Stuttgart 21 angekoppelt ist.

Die Neubaustrecke fährt im Bereich der Tank- und Rastanlage Denkendorf unter der A 8 in südöstlicher Richtung durch. Die Röhre soll zwei Gleise aufnehmen, auf denen ab Ende 2021 Züge mit Geschwindigkeiten bis zu 250 Kilometern je Stunde unterwegs sind. Der Tunnelquerschnitt wird 11,70 Meter, die Höhe sieben Meter betragen. Insgesamt ist der Tunnel 768 Meter lang. Für Autofahrer bedeuten die Bauarbeiten allerdings eine Menge Unannehmlichkeiten.

Im sowieso schon stark befahrenen Abschnitt zwischen den Anschlussstellen Wendlingen und Esslingen – dort sind täglich mehr als 90 000 Fahrzeuge unterwegs – muss mit Behinderungen gerechnet werden. Die Autobahn soll in mehreren Phasen abschnittsweise verlegt werden. Neben den Fahrspuren wird der Tunnel gegraben. „Alle sechs Fahrspuren bleiben aber erhalten“, betont Bahnprojektsprecher Reinhold Willing.

Zunächst beginnen die Arbeiten auf der Fahrbahn in Richtung München. Die Fahrstreifen werden dann in Richtung Norden verschwenkt, beanspruchen Flächen der Fahrbahn in Richtung Stuttgart und auch einen Teil der Tank- und Rastanlage. Dort könne es zwar zu baustellenbedingten Behinderungen im Bereich der Auffahrt Richtung Stuttgart kommen, wie Willing sagt, die Rastanlage bleibe aber während der Bauzeit durchgehend in Betrieb.

Die Fahrbahnen sind auf einer Länge von 850 Metern deutlich schmäler. Die rechte Spur bleibt am breitesten. Sie verengt sich von 3,65 auf 3,50 Meter. Die linke Spur ist nur noch 2,75 breit. Die Standspur fällt in diesem Bereich weg.

„Wir haben so geplant, dass in der Baustelle mit Tempo 80 gefahren werden darf“, sagt der Bahnprojektsprecher weiter. Das letzte Wort über die Höchstgeschwindigkeit habe jedoch das Regierungspräsidium.

Der Tunnel kostet rund 40 Millionen Euro. Für den Bau werden auch Straßen abgebaut. Die noch relativ neue Landstraße 1204 parallel zur Autobahn von Ostfildern und Neuhausen in Richtung Plieningen wird für die Schienen gebraucht und muss komplett verlegt werden. Ebenso fallen Feld- und Wirtschaftswege den Bahngleisen zum Opfer. Ab dem Jahr 2018 werden auch die Autobahnanschlussstellen Esslingen und Wendlingen umgebaut.
bob / Foto: bob


„Gebt den Leuten Arbeit“

Bundesverdienstkreuz für Said Amiri – Engagierter Ehrenamtlicher unterstützt Flüchtlinge mit Rat und Tat


Das Wort Ruhestand wäre sicherlich falsch gewählt, wollte man den Tagesablauf von Said Amiri aus Weilheim beschreiben. Im Jahr 1937 in Kabul geboren, ist der frühere technische Kaufmann täglich unterwegs, unterstützt Flüchtlinge in der Unterkunft in Kirchheim, begleitet sie zu Ämtern und Ärzten, organisiert Sprachunterricht oder  hilft bei der Wohnungssuche. Kürzlich erhielt er für sein ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Wenn Said Amiri beginnt, von seinem Herzensanliegen zu erzählen, ist sein Engagement förmlich mit den Händen zu greifen. Amiri unterstützt ehrenamtlich Flüchtlinge, die Krieg, Terror und Vertreibung hinter sich haben und es nach oft jahrelanger und zumeist lebensgefährlicher Flucht nach Deutschland geschafft haben. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die kriegsbeschädigt und zutiefst traumatisiert sind, für die Frieden und Freiheit Fremdwörter sind. Diese Menschen brauchen Aufmerksamkeit und Vertrauen. Sie benötigen dringend Hilfe, nicht nur finanziell, sondern auch ärztliche, psychische und humanitäre Hilfe. Da sitzen afghanische Jungs vor mir und weinen, weil sie nicht wissen, wo ihre Familie ist, ob sie noch am Leben ist“, sagt Amiri.

Said Amiri weiß, wovon er spricht. Im Jahr 1937 in der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren, hat er selbst erlebt, was es bedeutet, aus politischen Gründen seine Heimat verlassen zu müssen. Die Familie Amiri wurde nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan auseinandergerissen. Manche Familienmitglieder flohen nach Indien, andere nach Pakistan oder in den Iran. Ihn hat es nach einer „langen und ungewissen Reise“ nach Deutschland verschlagen. Nach verschiedenen Stationen landete er schließlich in der Region, fand Arbeit bei einem Landmaschinenhersteller in Weilheim, bildete sich parallel auf der Abendschule weiter, absolvierte erst die Meister-, dann die Techniker-Prüfung.

Da Amiri Arabisch und Farsi spricht, waren Auslandseinsätze für seine Firma der nächste Schritt. „Ich habe im gesamten Nahen und Mittleren Osten gelebt und gearbeitet, Iran, Irak, Syrien, Ägypten, Pakistan, auch in Zentralasien – überall da, wo man Landmaschinen braucht“, erzählt er.

In all den Jahren war Amiri immer auch mit den Folgen von Kriegen, Vertreibung und Elend konfrontiert und versuchte vor Ort, aus eigenen Mitteln Menschen in Not zu unterstützen. „Die Zeit schritt voran, doch die Bilder blieben in vielen Regionen dieselben“, sagt er. So war es für ihn nur ein kleiner Schritt, sich nach dem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2000 zunächst in seiner Heimatstadt Weilheim, später auch in Kirchheim für Flüchtlinge zu engagieren. Seitdem ist er als Ehrenamtlicher im Inte­grationsausschuss der Stadt Kirchheim, im Arbeitskreis Asyl und direkt vor Ort im Flüchtlingsheim und in den Familien als Integrationshelfer, Vermittler, Berater und Alltagsbegleiter unverzichtbar.

Für dieses Engagement und seine Verdienste in der Flüchtlingshilfe ist Said Amiri Mitte März mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Landrat Heinz Eininger würdigte Amiris Einsatz als „herausragend und beispielhaft“. Wegen seiner Sprachkenntnisse und seinem profunden Wissen über die Kulturen in etlichen Herkunftsländern der Flüchtlinge wirke Amiri als „wichtige Hilfe bei der Neuorientierung“. Amiri sei Dolmetscher und Sozialarbeiter, Streitschlichter, Unterstützer bei der Wohnungssuche und Jobvermittler, „ein Mentor im besten Sinne des Wortes, ein Fürsprecher, Förderer und erfahrener Ratgeber“, hob Eininger hervor.

Amiri selbst gibt allerdings einen Teil dieses Lobs weiter an die vielen anderen Helfer und Unterstützer der Flüchtlinge in der Region, nennt die Hauptamtlichen der AWO in der Flüchtlingsbetreuung ebenso wie die vielen Helfer im Arbeitskreis Asyl, auch die Mitarbeiter in den Behörden. „In Kirchheim läuft es wirklich sehr gut. Angefangen von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker wollen alle den Flüchtlingen helfen“, freut er sich.

Dennoch sei noch vieles veränderungswürdig. „In den Heimen sind viele Menschen aus vielen Nationen auf engem Raum zusammen. Die sitzen rum und haben nichts zu tun, dabei möchten sie etwas machen. Also, gebt den Leuten Arbeit und gebt ihnen Sprachkenntnisse, das ist das Grundlegende für eine erfolgreiche Integration“, appelliert Amiri. „Professionelle Entwicklungsprogramme“ für die vielen, meist jungen und hoch motivierten Flüchtlinge, schnellere Asylverfahren und rasche Arbeitserlaubnis seien dringend erforderlich. „Wir diskutieren in Deutschland über Fachkräftemangel, bekommen es aber nicht hin, das Potenzial der Flüchtlinge für alle Beteiligten positiv zu nutzen“, stellt er fest.

Damit könnten auch in vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge Fortschritte erzielt werden. „Es werden noch viele Menschen kommen, die Situation dort wird zunächst nicht besser, und wir Europäer müssen reagieren“, sagt Amiri. „Wir müssen an der Bildungsarmut ansetzen. Bilden wir doch hier die Fachkräfte für diese Länder aus.“ Schließlich seien Bildung und Ausbildung Schlüssel zur Überwindung von Armut – und damit von Unfreiheit. Amiri fügt hinzu: „Und wozu leben wir, wenn wir nicht frei denken, sprechen und handeln können?“    pst / Foto: pst


Abgestimmt

Bis zu 900 Flüchtlinge sind beim Kentern eines Schiffs vor
der libyschen Küste gestorben – ein neuerliches Drama vor
den Toren Europas. Muss die EU die Flüchtlinge insbesondere
auf dem Mittelmeer besser schützen?

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Muss die EU mehr tun?

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Sparen für Weihnachten beginnt Ostern

Hartz IV: Vor allem Langzeitarbeitslose leiden stark unter ihrer Situation – Mühsam im Alltag – Zwangsrente droht


Genau 5,11 Euro stehen einem alleinstehenden erwachsenen Menschen, der von Hartz IV lebt, pro Tag für Essen und Getränke zu. Für Lebenspartner und Kinder ist der Satz niedriger. Wie kommt man damit durch den Tag? Was macht das mit den Menschen? Eines wird schnell deutlich: Hartz IV beeinflusst das Leben der Betroffenen in hohem Maße. Und Hartz IV kann krank machen.

„Am meisten leide ich darunter, dass ich niemanden einladen kann, dass ich nicht so gastlich sein kann, wie ich es gerne möchte“, bringt Katharina F.* ihre Situation auf den Punkt. Die Esslingerin ist schon seit 2012 ohne Arbeit und lebt von Hartz IV. Auch davor war es schon schwierig: Seit der Geburt ihrer heute 22-jährigen Tochter, die noch bei ihr lebt, hat die Alleinerziehende nicht mehr lange Zeit am Stück gearbeitet. Sie war zuvor bei einem „Großkonzern“ beschäftigt, aber die Bedingungen zur Weiterbeschäftigung waren nicht vereinbar mit der Betreuung ihres Kindes. Ein Jahr oder auch mal anderthalb Jahre lang klappte es mit der Arbeit, dann war sie wieder arbeitslos. Dabei hat Katharina F. aus ihrer Sicht alles richtig gemacht: Ursprünglich war sie kaufmännische Angestellte, dann hat sie sich zur Wirtschaftsassistentin weitergebildet. „Nichts Exotisches, sondern etwas wirklich Handfestes“, wie sie sagt. Dennoch, die feste Arbeitsstelle blieb aus.

Frieder Claus, der Armutsexperte der Diakonie und in der
unabhängigen Hartz-IV-Beratung aktiv, kennt zahlreiche solcher Schicksale. Und es wundert ihn nicht, dass eigentlich gut ausgebildete Menschen lange Zeit ohne
Arbeit bleiben: Denn wer nicht arbeitet, dessen Wissen verflache zunehmend. Eigentlich benötige er Weiterbildung und Auffrischung. „Eine echte Qualifizierung für Qualifizierte gibt es so nicht“, sagt Claus. „Für Weiterbildungskurse sind die Mittel seit rund zehn Jahren erheblich gekürzt worden.“

Das betrifft auch Michael P.* Trotz guter Ausbildung ist auch er seit 2003 arbeitslos und von Hartz IV abhängig. Der Esslinger Industriekaufmann wollte mehr und hat sich zum Betriebswirt und zum Bilanzbuchhalter weitergebildet. In den damaligen Kursen fehlte aber die später verbindliche internationale Ausrichtung im Bilanzwesen. Vergeblich hat sich P. seither bemüht, über das Jobcenter das zusätzliche Zertifikat zu erlangen. Sein Angebot, die  Zusatzausbildung auf Darlehensbasis abzuzahlen, sei immer abgelehnt worden.

„Ich habe doch alles richtig gemacht“, meint der Esslinger. „Und dennoch steh ich auf der Straße.“ Da fange man schon an zu grübeln und frage sich: „Was stimmt denn nicht mit mir?“ Dabei ist Michael P. niemand, der sich leicht einschüchtern lässt. Gegen die „ständigen kleinlichen Gängeleien“ wehrt er sich, geht auch schon mal wegen eines Briefportos, das ihm zusteht, vors Gericht.

Wie stark die Hartz-Gesetze die Situation von Menschen ohne Arbeit oder mit geringer Rente verändert haben, beschreibt Frieder Claus. So sei die Armutsquote seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 um vier Prozentpunkte auf 16 Prozent gestiegen. Seit dem Jahr 2000 hätten in Deutschland Einkommensungleichheit und Armut stärker zugenommen als in jedem anderen OECD-Land, zitiert er einen Bericht aus dem Zusammenschluss von 26 Industrienationen. Neue Armutsformen wie etwa Kinder- oder Altersarmut seien entstanden. Die Zahl der Menschen, die auf Sozialhilfeniveau leben, sei von 3,3 auf 7,8 Millionen gestiegen. Claus: „Hartz IV hat nicht mehr Arbeit geschaffen. Vielmehr sind normale Arbeitsverhältnisse zunehmend in Teilarbeitsverhältnisse aufgespalten worden, von denen man meist nicht leben kann.“

Der Alltag mit Hartz IV ist eine ständige Herausforderung, es geht immer um die Existenz. „Eisernes Sparen und Rechnen im Centbereich“, beschreibt Katharina F.  ihren Tagesablauf. Will sie zu Weihnachten etwas verschenken oder ein besonderes Essen auf den Tisch bringen, muss sie Ostern mit dem Sparen beginnen. „Und Wünsche zu haben, das habe ich mir längst abgewöhnt“,  fügt sie hinzu. Katharina F. beschreibt ihren Zustand als ein  „Leben aus zweiter Hand“. Viele Dinge, die sie sich nicht leisten kann, wie Urlaub, Freizeitangebote, Konzerte und Ähnliches, nimmt sie aus Berichten von anderen wahr. Sie hat sich eine „Lebensbewältigungsstrategie“ zurecht gelegt: „Ich versuche dann, mir das, was sich höre oder im Fernsehen sehe, genau so vorzustellen, als wäre ich selbst dabei gewesen.“ Auch ihre Tochter Mary*, die gerade in Ausbildung ist, leidet unter der Situation.  „Freizeitaktivitäten lassen sich kaum gestalten“, sagt die 22-Jährige. „Ich kann nicht ins Kino oder essen gehen. Wenn man immer absagt, bleiben Freunde weg, man wird auch nicht mehr gefragt.“ Katharina F. wünscht sich nichts sehnlicher als eine Arbeit – eine Halbtagsstelle, denn mehr geht nach ihrer gerade überstandenen schweren Erkrankung wohl nicht mehr. Stattdessen droht der 59-Jährigen die Rente – die Zwangsverrentung, um genau zu sein. „Die Zwangsverrentung mit 63 kommt auf mich zu und somit auch ein 20-prozentiger Abschlag auf die reguläre Rente, ohne dass ich das noch ausgleichen könnte.“

Frieder Claus kritisiert das als eine der „Entmündigungen, die  ausschließlich bei Hartz-IV-Empfängern möglich sind“. Claus prangert auch die tagtäglichen Hürden für die Betroffenen an: die schwer verständlichen, oft falschen Bescheide, Callcenter statt persönlicher Berater und die dünne Personaldecke bei den Sachbearbeitern.

Katharina F. und Michael P. sind sich darüber im Klaren, dass man nicht aufgeben darf: „Nicht schwach werden, sonst ist man verloren“, sagt Katharina F. Beide sind ehrenamtlich engagiert, das helfe. Michael P. hat sich ein soziales Umfeld bewahrt: Mit Kumpels von der Hochschule geht er regelmäßig zum Sport: „Das trägt und hilft.“

Dennoch: Armut ist ein Gesundheitsrisiko. Wer arm ist, stirbt im Schnitt sieben bis zwölf Jahre eher als Normalverdiener.       bob / Fotos: dpa

*Namen geändert

 

Info: Unabhängige Hartz-IV-Beratung bei sozialen Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege, Flyer über Diakonie, AWO, Caritas, DRK und andere.


Abgestimmt

Die Bundesländer wollen über eine generelle Tempo-30-Vorschrift
vor Schulen, Kindertagesstätten und Krankenhäusern entscheiden.
Ist das der richtige Schritt für mehr Sicherheit?

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Tempo 30 an Schulen?

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Günstig ab Stuttgart

Zusätzliche Fluglinien im Sommerflugplan – 125 Ziele in 35 Ländern

Seit wenigen Tagen gilt der Sommerflugplan am Flughafen Stuttgart. Mit Ryan Air und Easy Jet hat der Airport zwei Fluglinien gewonnen, die ausschließlich Günstigflüge anbieten. Insgesamt bedient der Landesflughafen 125 Ziele in 35 Ländern.

Bereits zum Start des neuen Flugplans am 29. März hat ein Easy Jet-Flieger Passagiere nach London-Gatwick gebracht, in der vergangenen Woche hat Ryan Air zum ersten Mal die nordenglische Stadt Manchester angesteuert. Am 24. April fliegt Easy Jet erstmalig Mailand-Malpensa an und am 5. Juni startet der erste Flug der Gesellschaft nach Porto.

Mit den beiden englischen Fluglinien hat der Airport Stuttgart sein Angebot um zwei günstige Linien erweitert. Stuttgart profitiert dabei von einem Strategiewechsel der sogenannten Low Cost Carriers, die bislang ausschließlich Provinzflughäfen bedient haben und sich nun größeren Verkehrsflughäfen widmen wollen. „Mit Ryan Air hatten wir bereits einen guten Kontakt, da Ryan Air den Baden Airpark in Karlsruhe bedient, der ja eine Tochtergesellschaft der Stuttgarter Flughafen Gesellschaft ist“, erklärt Beate Schleicher, die stellvertretende Pressesprecherin der Flughafen GmbH. Ob die beiden englischen Linien ihr Repertoire an Destinationen von Stuttgart aus erweitern, bleibt abzuwarten.

Aber auch die in Stuttgart bereits etablierten Airlines bieten neue Ziele an: Condor bringt Reisende jetzt auch nach Agadir und Mykonos, Air Berlin fliegt nach Mailand, nach Rom und auf die Kanalinsel Jersey, mit Tuifly geht es nach Izmir und Chania, mit Sunexpress nach Varna und mit Aegean Airlines nach Heraklion und Rhodos. Mehrere neue Ziele bedient Germanwings mit Amsterdam, Nizza, Tirana, Tunis und Valencia. Außerdem stehen Tivat durch Montenegro Airlines, Istanbul mit Onur Air und Turkish Airlines sowie Rom durch Vueling auf dem Plan.

Fernziele können gemeinsam mit dem Air Berlin-Teilhaber Etihad über das Drehkreuz Abu Dhabi angesteuert werden. Laut Beate Schleicher sind im Sommer konstant 125 Ziele in 35 Ländern von Stuttgart aus zu erreichen – deutlich mehr als im Winter, wenn etwas mehr als 70 Ziele angeflogen werden. Reisende finden im Flughafengebäude nun ein vergrößertes Kaufangebot, nachdem ein Herrenausstatter und ein Schuhgeschäft eröffnet haben. Schleicher weist auf die Infrastruktur hin: Am Flughafen gibt es einen Arzt, eine Apotheke, eine Kinderspiellandschaft im Gatebereich, die Möglichkeit, in den Pfingst- und Sommerferien Parkplätze online zu buchen und den Vorabend-Check-In einzelner Linien. Das Parkhaus P14 ist derzeit noch im Bau, es soll zusammen mit dem Stuttgarter Fernbusbahnhof zum Sommerflugplan 2016 an den Start gehen.             bob / Foto: dpa

Info: www.stuttgart-flughafen.de


Vollgas mit 13 Jahren

Max Hesse aus Wernau ist Kart-Nachwuchsfahrer – Mit sechs Jahren erstes Rennen gefahren – Traum von einer Profikarriere

Seine Eltern halten öfter mal den Atem an, wenn sie ihrem Sohn zuschauen. Aber für Max Hesse ist es das Größte, mit 140 Sachen über den Asphalt zu heizen. Der 13-Jährige aus Wernau hat bereits einen Namen im Motorsport und große Ziele. Im aktuellen Jahr stehen 13 nationale und internationale Rennen in seinem Kalender, unter anderem bei der Kart-Weltmeisterschaft.

Den ursprünglichen Pressetermin musste Max verlegen, weil ein Anruf von Mad-Croc in Italien kam. Max gehört zum Team des Chassis-Herstellers und wurde gebeten, bei der WSK Super Masters Series zu starten. Lief es bei der Qualifikation an den ersten zwei Tagen noch nicht optimal, schaffte er es am Rennsonntag nicht nur ins Finale, es sprang sogar ein bemerkenswerter sechster Platz heraus. Wegen einer Zeitstrafe wurde dann allerdings Platz 15 daraus.

Im vergangenen Jahr hat sich das Nachwuchstalent erstmals bei internationalen Rennen präsentiert – und ist dabei aufgefallen. So kommt es, dass Max der einzige deutsche Werksfahrer im Junioren-Bereich ist. Auf nationaler Ebene hatte er schon lange auf sich aufmerksam gemacht, bei den Bambini war er drei Jahre in Folge Deutscher ADAC-Kart-Meister. Das Triple hat vor ihm noch niemand geschafft. Mit sechs Jahren fuhr Max sein erstes Rennen. In den Motorsport eingestiegen ist er schon drei Jahre vorher. Sein Vater Mario, selbst ehemaliger Kart-Fahrer, nahm den Filius öfter mal zum Zuschauen mit. Worauf der selbst unbedingt fahren wollte. In einem „Puffo-Kart“, dem kleinsten Modell, durfte er auf einer Modellauto-Rennstrecke erstmals ans Steuer. Mario Hesse hatte eine Sicherung eingebaut, mit der er notfalls per Fernsteuerung das Gas hätte abdrehen können.

Mittlerweile fährt Max längst auf sich allein gestellt. Dazu gehört auch, auf den Motor zu hören, das Fahrzeug zu putzen und selbst mal zu schrauben. Die Datenaufzeichnung beim Fahren und die spätere Analyse tragen dazu bei, dass Max versteht, was im Motor vor sich geht.

Sein Vater ist recht gelassen, wenn das Nachwuchstalent Vollgas gibt. „Ich weiß, dass er Spaß dabei hat, deshalb macht es mir nichts aus“, sagt er. Max’ Mutter Kathleen ist es nicht wohl beim Zuschauen. Egal, in welcher Klasse er fuhr – immer sei Max „der Jüngste und Kleinste“ gewesen. Gefahren wird mit Helm, Schutzanzug und Rückenschutz, aber ohne Gurt, denn bei einem Unfall wäre es besser, aus dem Fahrzeug rauszufliegen als darin sitzen zu bleiben. Ein ernsthafter Crash ist dem Jungpiloten noch nie passiert. Einmal hat er eine Rippe gebrochen, weil es ihn in einer S-Kurve gegen eine Kante drückte. Aber nach einem Eisbeutel ist er im nächsten Durchgang weitergefahren.

Beim starken Beschleunigen und Abbremsen wirken gewaltige Kräfte. 35 Kilometer Strecke werden bei einem Rennen gefahren, oft mit zwei Durchgängen am Tag. Dabei ist der Körper von Kopf bis Fuß angespannt, ganz besonders der Nacken und die Arme. „Durch die g-Kräfte und die Rundenanzahl ist es schon sehr anstrengend“, sagt Max. Auf seinem Stundenplan steht zweimal die Woche Joggen und zweimal Krafttraining. Die ADAC-Stiftung Sport, die ihn unterstützt, lädt ihn regelmäßig zum Fitness-Check vor und bietet zudem „Mentaltrainig“ an, das Konzentration und Reaktion schult. „Das macht mir sehr viel Spaß“, sagt Max, „das sind meistens Übungen, die man im Alltag machen kann.“ Auf einem Bein stehend die Zähne zu putzen, vielleicht sogar mit geschlossenen Augen, ist ein Beispiel. Auch Ernährung ist schon ein Thema. Verboten sind Hamburger und Pommes nicht, aber Maß halten ist angesagt.

Auf Rennstrecken trainiert Max, wenn sich die Gelegenheit bietet – mal in Wackersdorf, mal in Kerpen oder bei Mad-Croc am Gardasee. Daneben lebt er aber auch das Leben eines ganz normalen 13-Jährigen. „Ich geh auch mal einfach so raus“, sagt er, „heute war ich Fußball spielen mit Freunden.“ Und die Noten müssen stimmen, sonst wäre Schluss mit Motorsport. Was Max im Unterricht verpasst, muss er nachlernen. Die Schule sei entgegenkommend, „die wissen, dass er das nicht nur als Hobby macht“, sagt Mario Hesse. Dass ihm die ganze Klasse schon mal per Live-Stream beim Rennen zugeschaut hat, hat den Jung-Rennfahrer sehr gefreut.

Für dieses Jahr hat Max sich eine Menge vorgenommen: Bei den deutschen Junioren-Kart-Meisterschaften möchte er „in die Top 3 fahren“, bei der Europa- und der Weltmeisterschaft ins Finale kommen. Und längerfristig? „Mein Hobby zum Beruf machen und Geld damit verdienen“, sagt er selbstbewusst.       aia / Foto: Niemann