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25 Jahre nach dem Mauerfall: Denkendorfer Verein Zweitakterz Süd hält die Tradition der Ostfahrzeuge hoch


Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, die jahrzehntelange Trennung West- und Ostdeutschlands war überwunden. Vor 25 Jahren tuckerten die ersten Trabi und Wartburg über die Grenze und erregten Aufmerksamkeit. Auch heute noch sind die robusten Zweitakter kleine automobile Exoten. Und nicht wenige Menschen – hüben wie drüben – mögen die Fahrzeuge mit dem unverkennbaren Knattern und dem blauen Ölfähnchen aus dem Auspuff. Rund 900 Wartburg und Trabant sind in Baden-Württemberg angemeldet. Einige auf die Mitglieder des Vereins Zweitakterz Süd aus Denkendorf.

Wo bei anderen Automobilliebhabern alte Daimler oder Volvo im Mittelpunkt stehen, schlägt das Herz der Zweitaktler für Trabant, Wartburg, Barkas und Co. Und anstatt das sprichwörtliche Benzin im Blut treibt die Zweitaktler das Sprit-Öl-Gemisch um.

18 Frauen und Männer treffen sich regelmäßig zum Stammtisch oder zum Schraubertag. Sie kommen aus dem Großraum Stuttgart. Einige haben sogar mehrere Fahrzeuge aus Ostfabrikation – Limousinen, mit und ohne Anhänger, Zwei- und Dreiräder. Nicht alle Vereinsmitglieder sind in der ehemaligen DDR geboren. Aber viele, so wie Torsten Friedrich, der von Usedom stammt. Er hat 1997 seinen ersten Trabant gekauft: Friedrich war Zivildienstleistender und brauchte ein günstiges Gefährt. Mittlerweile zählt er fünf Fahrzeuge aus dem Osten in seinem Fuhrpark.

Für ihn stellt Trabifahren eine Verbindung zur Kindheit her: „Dieser Geruch und der Klang erzeugen Emotionen“, sagt er. Auch für Klaus Hornung ist der Geruch von verbranntem Öl und einem Hauch Benzin der Geruch seiner Jugend. Hornung, Vorstand des Vereins, besitzt unter anderem einen Wartburg 311, eine blau-weiße, elegante Limousine mit einem imposanten Kühlergrill. Der Wagen lässt an Pininfarina und Saint Tropez denken, jedenfalls so lange, bis Hornung den Zündschlüssel umdreht und statt Viertaktergrummeln das typische Zweitaktergeknatter ertönt. Der Wagen, top gepflegt, kann auf dem Markt etwa 10 000 bis 15 000 Euro wert sein, wie Hornung sagt.

Die Zweitaktler erzählen Geschichten, denen man gerne lauscht: Vom Trabant, auf dem man in der DDR bis zu 15 Jahre warten musste, vom Wartburg, der ebenso lange Wartezeiten hatte, es sei denn, er war für den Export bestimmt, von der Trabant-Karosserie, die aus harzverstärkter minderwertiger sowjetischer Baumwolle besteht, oder davon, dass die gebrauchten Ostfahrzeuge vor dem Mauerfall teurer als neue waren, vom Halbautomatikgetriebe Hycomat, auf das nur Versehrte Anspruch hatten. Und von den Hoffnungen, die eine Firma in Ostdeutschland vor wenigen Jahren geschürt hatte, als sie einen strombetriebenen New Trabant auf den Markt bringen wollte – bisher allerdings vergeblich.

Auf dem gekiesten Platz vor der Halle in der Heerstraße im Denkendorfer Gewerbegebiet, wo die Vereinsmitglieder ihre Fahrzeuge warten und an ihnen schrauben, steht eine ganze Reihe gepflegter Trabant und Wartburg in Biberbraun, Panamagrün, Ozeanblau oder Delphingrau. Auch ein Motorrad steht dabei – ein Sperber von Simson, sozusagen ein Bruder der bekannteren Schwalbe. Ein Bus ragt heraus: ein Barkas mit lila Lackierung und Blumenschmuck. Er gehört der Sozialpä­dagogin Andrea Lenz. Ihre Kollegin Sabine Säger ist ebenfalls Besitzerin eines Barkas. Muss sie tanken, schüttet sie einen Teil Öl auf 50 Teile Benzin in den Tank, springt auf die Ladefläche und hüpft ein wenig, so dass aus den beiden Flüssigkeiten ein Gemisch entsteht. Der Barkas 3, gebaut im Jahr 1974, heißt bei ihr Luzifer und muss demnächst in die Werkstatt. Ein Motorwechsel steht an.

Neben dem Bus, der an einen alten Hanomag erinnert, besitzt Säger eine Schwalbe und ein Gefährt, das ein wenig wie eine Rikscha aussieht: Es ist eine Duo 4/1 der Firma Krause, die Krankenfahrstühle hergestellt hat. Eine Duo durfte nur besitzen, wer eine Gehbehinderung nachweisen konnte. Das handbetriebene Dreirad muss seinem gehbehinderten
Besitzer aber viel Kraft und Koordinationsvermögen abverlangt haben, das hat Säger nach einigen Selbstversuchen festgestellt. „Wer Zweitakter fahren will, muss bereit sein, zu schrauben“, sagt Hornung. Nach 100 000 gefahrenen Kilometern – beim Trabant früher – muss man mit Lagerschäden rechnen, Zylinder müssen nachgeschliffen werden. Ein Motorwechsel sei kein Beinbruch: „In drei Stunden ist das erledigt,“ sagt Hornung. Noch gibt es Ersatzteile. In Ungarn werden fehlende Teile mittlerweile nachproduziert.

Mathias Piontek aus Stuttgart fasziniert die Technik der Ostfahrzeuge: „Mit den aufeinander aufbauenden  Komponenten sind es sehr intelligent gebaute Autos.“ Piontek freut sich über die Entwicklung, die die Ostfahrzeuge machen: „Es werden mittlerweile ernst zu nehmende Oldtimer.“ Er selbst ist mit seinem Trabant und dem Zelt­anhänger schon zweimal in der Toskana gewesen. „Mit einem Audi TT kann doch jeder Idiot über die Alpen fahren“, sagt er trocken.

„Trabi und Wartburg gehören unbedingt auf die Straße und nicht ins Museum“, sagt auch Hornung. „Diese Fahrzeuge sind schließlich Teil unserer Kultur“, fügt er hinzu. Auch wenn sie nicht unbedingt bei Eis und Schnee gefahren werden sollten.        Text/Foto: bob

 

Info: Zweitakterz Süd trifft sich am jeweils letzten Freitag im Monat zum Stammtisch in Neuhausen, Gaststüble Bock. Neue sind willkommen, egal ob Zweitakter-Besitzer oder Sympathisanten. Zweitakterz Süd organisiert am Tag des 25-jährigen Jubiläums des Mauerfalls, am 9. November, eine DDR-Oldtimer-Ausstellung am Zentrum Zinsholz in Ostfildern. Mehr unter www.zweitakterzsued.de


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