Tabuthema in die Öffentlichkeit rücken

Plakatausstellung zu „Häusliche Gewalt“ im Landratsamt und unterwegs im Landkreis – Betroffene aus allen Gesellschaftsschichten

Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema. Betroffene schweigen häufig, oft aus Scham, Existenzängsten oder der Angst vor weiteren Übergriffen. Außenstehende schauen oft genug weg. Fast 400 Mal pro Jahr wird die Polizei im Landkreis Esslingen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Paaren gerufen. Gut jede vierte Frau in Deutschland erlebt irgendwann Gewalt in einer Partnerschaft, eine höhere Dunkelziffer wird vermutet. Umso dringlicher ist es,  nicht länger die Augen zu verschließen.

Mit einer Plakataktion unter dem Motto „Zuhause sind wir sicher – oder trügt der Schein“ wollen die runden Tische „Hilfen bei häuslicher Gewalt“ das Thema in die Öffentlichkeit rücken und auf Hilfsangebote aufmerksam machen. Die Öffentlichkeit ist zudem dazu aufgerufen, genauer hinzuschauen und bei Bedarf zu handeln. Bei  sechs runden Tischen treffen sich im Landkreis Esslingen regelmäßig Vertreter von Polizei, Ordnungsämtern, Frauen- und Männerberatungsstellen sowie der  Sozialen Dienste. Auch Amtsgerichte, Suchtberatungsstellen und OEG-Trauma-Ambulanz (Opferentschädigung) sowie  Beauftragte für Chancengleichheit sind in das Netzwerk eingebunden.

Renate Dopatka und Semrah Dogan von „Frauen helfen Frauen“ in Kirchheim und Esslingen sind in ihrer täglichen Arbeit mit zahlreichen Schicksalen häuslicher Gewalt konfrontiert. „Die Frauen wenden sich entweder direkt oder auch über Angehörige, die Polizei, den Arbeitgeber oder Ärzte an uns. Es gibt drei Bereiche: das Frauenhaus, die Beratungsstelle und die Interventionsstelle“, erklärt Dopatka. Das Alter der Frauen sei ganz unterschiedlich, berichtet Dogan von ihren Erfahrungen in der Esslinger Beratungsstelle. „Normalerweise ist die Beratung ab 18 Jahren, die älteste Frau bislang war 88 Jahre alt.“ Beim Erstkontakt am Telefon schildern die Betroffenen ihre Situation, zeitnah wird dann ein persönlicher Termin vereinbart.

„In der Regel sind das Frauen, die in längeren Beziehungen sind, teils am Anfang einer Trennung. Hier helfen wir etwa bei Fragen wie ‚Was kommt da jetzt auf mich zu?’ oder ‚Was passiert mit den Kindern?’“, sagt Dogan. Für viele sei es  nicht einfach, sich vom Ideal der heilen Familie zu verabschieden. „Manche versuchen noch, das Verhalten des Mannes zu legitimieren.“ Es fielen dann Sätze wie „Er hatte Stress bei der Arbeit“ oder „Sonst ist er nie so“. „Da geht es ja auch um den Wunsch nach Liebe und Geborgenheit. Wir unterstützen, stärken und beraten die Frauen bis zur Entscheidung“, schildert Dogan.

 Häufig ging dem Anruf bei der Beratungsstelle ein längerer Prozess voraus. Bei den Fällen mit  massiver körperlicher Gewalt findet eine direkte Vermittlung in ein Frauenhaus statt. Das seien meist Frauen mit kleineren Kindern, oft ohne größeres soziales Netzwerk und keiner Möglichkeit, woanders unterzukommen, berichten Dopatka und  Dogan. Im Schnitt seien die Frauen zwischen 35 und 45 Jahre alt. Gehe es um  eine Trennung, seien die Kinder häufig schon erwachsen, die Frauen im Schnitt 40 bis 50 Jahre alt. Vertreten seien unter den Betroffenen alle Gesellschaftsschichten.

In akuten Fällen häuslicher Gewalt besteht die Möglichkeit, die Polizei zu verständigen. Diese kann einen sofortigen Wohnungsverweis gegen den Täter aussprechen. In begründeten Fällen kann zusätzlich ein Näherungs- und Kontaktverbot erlassen werden. Willigt die Betroffene ein, wird noch von der Wohnung eine unterschriebene Einverständniserklärung von der Polizei an die Interventionsstelle gesendet. Diese meldet sich dann innerhalb der nächsten drei Werktage bei der Frau. „Bereits am Telefon können wichtige Informationen gegeben werden. Wird ein Beratungsgespräch gewünscht, wird ein zeitnaher Termin vereinbart“, schildert Dopatka den Part der Interventionsstelle. Im Esslinger Bereich gebe es etwa 50 solcher Fälle pro Jahr, in Kirchheim im Schnitt 30, auf den Fildern 40.  Das seien aber nur die Fälle mit Einverständniserklärung. Dominique Jend von der Sozialberatung Stuttgart  mit Büro in Esslingen, arbeitet mit den Beschuldigten, die zum Großteil männlich sind. „Manche melden sich von sich aus, wenn sie wiederholt ein Problem mit Gewalt hatten und das ändern wollen“, sagt er. „Andere, die durch einen Polizeieinsatz zu uns gelangen, spielen die Vorwürfe oft herunter.“ Dann heißt es etwa, die Frau habe  provoziert. Bei der Beratungsstelle gebe es dann  Einzelberatungstermine. Und ein Gruppentraining zur Gewaltsensibilisierung über mehrere Monate, darin geht es um die Übernahme von Verantwortung, um das Entwickeln von Empathie gegenüber dem Opfer und um das Erlernen von Handlungsalternativen.  eis / Foto: eis

Hilfe bei Gewalt: www.landkreis-esslingen/haeuslichegewalt.de; Frauen helfen Frauen Esslingen (Telefon 07 11/ 35 72 12); Frauen helfen Frauen Filder (07 11/7 94 94 14), Frauen helfen Frauen Kirchheim (0 70 21/ 4 65 53); Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (08 00/ 0 11 60 16 / kostenlos); Fachberatung Gewaltprävention für gewaltausübende Männer und Frauen (07 11/ 21 84 09 66).


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