Tödliche Ablenkung

Bei bundesweiter Aktion kontrolliert die Polizei auch am Oberesslinger Bahnhof – Handysünder und Gurtmuffel im Visier

Das Handy piept, eine neue Nachricht. Nur mal schnell schauen, wer da was von einem will. Keine gute Idee, wenn man dabei am Steuer eines Fahrzeugs sitzt. Denn die Ablenkung kann tödlich sein. Mit der bundesweiten Aktion „sicher.mobil.leben“ nahm die Polizei vergangenen Donnerstag Handysünder ins Visier – auch in Esslingen.

Am Bahnhof Oberesslingen hat das Team des Reutlinger Polizeipräsidiums Stellung bezogen. Zwei Stunden lang werden die elf Beamten  den Verkehr kontrollieren. Erstmals geht die Polizei in einer konzertierten bundesweiten Aktion gegen Ablenkung am Steuer vor. Allein in den Landkreisen Esslingen, Reutlingen und Tübingen sind für diese Aktion rund 1000 Beamte im Einsatz.

Der Schwerpunkt der Aktion liegt auf der Nutzung technischer Geräte während der Fahrt. Mit der Aktion wollen die Beamten dafür sensibilisieren, dass der Griff des Fahrers zum Telefon oder das Eintippen von Adressen in das Navigationsgerät mitunter tödlich enden kann. „Nur drei Sekunden Ablenkung – zum Beispiel durch das Mobiltelefon – verlängert bei Tempo 50 den Anhalteweg von 27 auf satte 69 Meter“, klärt Polizeihauptkommissar Steffen Litschko auf.

Dass Aufklärung Not tut, zeigt der Blick in die Statistik: Jeder fünfte Verkehrstote auf deutschen Straßen geht auf das Konto von solchen Ablenkungen. Dennoch lassen viele nicht die Finger von ihren Geräten. Allein im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Reutlingen – der umfasst die Landkreise Esslingen,  Tübingen und Reutlingen – wurden im vergangenen Jahr mehr als 7300 sogenannte Handyverstöße zur Anzeige gebracht. „Das ist eine Zunahme von 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Martin Raff von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit beim Polizeipräsidium Reutlingen.

Vier Beamte hat Einsatzleiter Polizeikommissar Barthold etwas die Straße rauf postiert, die den Verkehr auf der Ulmer Straße ins Visier nehmen. Entdecken sie einen Autofahrer mit Handy am Ohr oder jemanden ohne Gurt, melden sie das an den Kollegen an der Kontrollstelle. Lange muss das Team nicht warten, da signalisiert Polizeimeisteranwärter Ulmer schon der ersten Kandidatin mit der Kelle, in die Haltebucht abzubiegen. Schmallippig hört sich die Frau die Ansprache der beiden Beamten an. Für sie gibt es ein saftiges Bußgeld: 100 Euro. Und auch einen Punkt in der Verkehrssünderkartei kostet sie der Anruf ihrer Freundin, den sie während der Fahrt entgegengenommen hat. Wäre es währenddessen zu einer Gefährdung gekommen, würde die Strafe nochmals deutlich höher ausfallen: 150 Euro plus zwei Punkte in Flensburg sowie ein Monat Fahrverbot würden dann verhängt. Geht der Verstoß mit Sachbeschädigung einher, klettert das Bußgeld laut aktuellem Katalog auf 200 Euro.

Die Handyverstöße sind im Rahmen der Kontrolle in Oberesslingen erfreulich niedrig. Insgesamt erwischen die Polizisten in den zwei Stunden sieben Autofahrer mit dem Telefon in der Hand.  Erschreckend hoch ist die Quote derjenigen, die sich im Wagen nicht anschnallen. Selbst solche sind darunter, die es eigentlich von Berufs wegen besser wissen müssen: Ausgerechnet ein Busfahrer außer Dienst tappt in die Kontrolle. 13 Mal verhängen die Beamten ein Bußgeld wegen Gurtverstoßes, einmal ist auch der Nachwuchs an Bord nicht ausreichend gesichert.

Die meisten zeigen sich bei der Kontrolle einsichtig. „Man weiß ja eigentlich, dass man das nicht darf“, sagt einer der Kontrollierten. Und 100 Euro weniger im Geldbeutel tun den meisten richtig weh. „Nachhaltig wirkt es, wenn die Leute bezahlen müssen – oder selbst Opfer werden“, weiß Polizeikommissar Litschko aus Erfahrung.

Wie schnell man jedoch in alte Verhaltensmuster zurückfällt, zeigt ein Vorfall am Rande der Kontrolle: Da rangiert ein Fahrer, der wegen fehlenden Gurts herausgewunken wurde, vor den Augen der Polizei sein Fahrzeug mit dem Handy am Ohr zurück. Die Standpauke, die folgt, wird er so schnell nicht vergessen.  mo / Foto: mo


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