ECHO-KRIMIRÄTSEL

Tödlicher Sturz in die Tiefe:  Im Kletterwald Plochingen wird ein Toter gefunden – und Kommissar Blickle leidet an Höhenangst

Tödlicher Sturz in die Tiefe

Friedlich lag der Wald im frühen Morgenlicht. Sonnenstrahlen flirrten durchs Geäst, erhellten das Grün, drangen bis zum Boden durch. Vögel sangen. Diese Stimmung mochte Helmut Wackenhut besonders gern. Jeden Morgen genoss er diese besondere Stunde, wenn er einen ersten Kontrollgang durch den Kletterpark hoch oben am Stumpenhof über der Stadt Plochingen unternahm. Heute war plötzlich alles anders. Der Geschäftsführer des Kletterparks stoppte abrupt: Dort unten, unter der langen Seilbahn, lag ein Mensch. Seltsam verkrümmt und offensichtlich leblos. Helmut Wackenhut erschrak furchtbar – auch weil er den Toten an seinem gelbgrünen Anorak erkannt hatte. Es war einer der Trainer, Kevin Koller.

Blaulicht blinkte: Es dauerte nicht lange, bis neben der Spusi auch der Wagen von Kommissar Blickle vorfuhr, die Tür ging auf, unrasiert und steif  stieg der Kommissar aus. Behände sprang seine Kollegin Bettina Schnell aus dem Wagen. „Hier waren wir doch kürzlich, Chef, klettern, mit der ganzen Abteilung. Wissen Sie nicht mehr? Am Polizei-Sporttag im Frühjahr?“ Blickle wusste nicht, denn er hatte sich an diesem Tag gedrückt, sich krankgemeldet. Bewegung lag ihm nicht.

Später hatte er erfahren, dass die Mannschaft nach dem Sporttag im Kletterwald im benachbarten Ristorante Mediterraneo bei Coco hervorragend italienisch gespeist hatte. Da hatte sich Blickle geärgert. Das Essen bei Coco war bekanntermaßen sehr gut. Die Kollegen hatten geschwärmt: „Die Pasta, die Saucen und super Pizza.“

Die Umstände schienen verwirrend. Trainer Kevin Koller, ein erfahrener Instructor und Rescuer für Wald- und Hochseilgarten, war offensichtlich von der langen Seilbahn abgestürzt. Das sogenannte Y-Fix, sein Sicherungssystem, war gerissen. Wie die Spurensicherung an den zerfetzten Kanten feststellen konnte, hatte jemand die Seile mit einem sehr scharfen Messer bearbeitet. Kollers Y-Fix musste wohl, als es auf der Seilbahn sein ganzes Gewicht zu tragen hatte, gerissen sein. Damit war die Verbindung zum Sicherungsseil gekappt und Koller 20 Meter in die Tiefe gestürzt. „Das war eindeutig Mord“, schloss Blickle messerscharf. Und nicht nur das: Als Mordwaffe kam eigentlich nur das superscharfe Rescue-Messer, das jeder Trainer immer bei sich haben muss, in Frage. Wer aber sollte es auf den 35-jährigen Trainer abgesehen haben?

Wackenhut berichtete der Polizei von den Gewohnheiten seines Instructors: „Koller hat gern frühmorgens seine Runden gedreht, bevor der große Ansturm losgeht“, sagte er. Und außerdem habe der Trainer immer persönlich alle Klettereinrichtungen auf ihre Funktionalität und Sicherheit überprüft.

Wackenhut zeichnete das Bild eines verschrobenen, aber sehr peniblen und zuverlässigen Menschen, weswegen er Privilegien genoss. Beispielsweise durfte er sich als „Cheftrainer“ betrachten und sich außerhalb der Betriebszeiten auf der Anlage aufhalten. Von diesen Gewohnheiten wussten alle, die dort arbeiteten. Neben Wackenhut die beiden anderen Trainer und Instructors, Markus Mohl und Sabine Sieber.

Wackenhut berichtete auch von Kollers Schwierigkeiten. Mit dem Kollegen Mohl kam er nicht zurecht, da dieser ihm seine Position neidete, Koller aber keine Gelegenheit ausließ, Mohl herumzukommandieren. Auch vor Kunden. Sabine Sieber war Kollers Ex-Freundin. Sie führten eine Art Rosenkrieg, bei dem es um das Sorgerecht der beiden Kinder, das Sieber in erster Instanz verloren hatte, und um richtig viel Geld ging. Und dann hatte Koller seit Kurzem einen echten Feind: Ein Polizist aus Kirchheim, Paul Panter, hatte sich beim Sporttag verletzt. Ein Sicherungsseil war ihm gegen den Mund geschlagen und hatte ihm zwei Vorderzähne ausgeschlagen. Er wurde zum Gespött. Er machte Koller dafür verantwortlich: Er habe ihn nicht richtig eingewiesen. Panter tauchte öfter auf der Anlage auf und bedrohte Koller.  Blickle entschied, einen Spaziergang zu machen, um alle Informationen zu verdauen. Er schlenderte über die Wege, blickte in den Wald, wo die elf Parcours mit den 116 Elementen in den unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden angelegt waren. Er sah die Seilbahnen, er blickte erschaudernd auf die Free Fall Jump-Plattform, von wo man 17 Meter in die Tiefe sprang. Dahinter der Big Rope Curtain, der Holzdrache. Blickle war von der geheimnisvollen grünen Welt angetan, dennoch trat ihm Schweiß auf die Stirn, Klettern und Balancieren machten ihm Angst. Der Tote hatte keine Angst gehabt, als er sich auf der Seilbahn eingehakt hatte. Dass sein Y-Fix angeritzt war, hatte er nicht geahnt. Denn die Ausrüstung aller Trainer und aller Besucher, das hatte er erfahren, hing verschlossen in einem Raum. Also musste der Täter den Tatort gut gekannt haben.

„Wir müssen die Trainer befragen, ebenso diesen Polizisten aus Kirchheim“, ordnete Blickle an. „Keine Details von unserer Seite. Ich will erst alles über ihr Verhältnis zu Koller erfahren.“ Beide Trainer waren noch nicht im Dienst, sie wurden angerufen, den Kollegen aus Kirchheim holte ein Streifenwagen ab. Panter war besonders schlecht gelaunt: „Kollegen, der Koller war ein Angeber, mit seinem tollen Rescue-Messer rumfuchteln, ja, das konnte er, aber mich richtig einweisen nicht.“ Panter zeigte anklagend auf die hässliche Zahnlücke. „Aber bringe ich deshalb jemanden um? Kollegen, bitte!“ Markus Mohl sagte, Koller sei ein Arsch gewesen, aber kein Trainer würde je ein Rescue-Messer verwenden, um jemandem zu schaden. „Ich konnte ihn nicht ausstehen“, sagte Mohl, „aber ein Mord? Nein, Herr Kommissar! Seine Fachkenntnisse habe ich durchaus geschätzt.“ Sabine Sieber, eine auffallend athletisch und durchtrainiert wirkende Frau, unterdrückte mit Mühe ein Lächeln, was Blickle und Schnell nicht entging. „Sieht so aus, als ob ich nun nicht mehr um das Sorgerecht für Paula und Maxi vor Gericht ziehen muss, und das Geld kann ich auch behalten“, sagte sie, um sich gleich zurückzunehmen: „Ich bin aber keine Mörderin“, sagte sie und rückte mit einer nervösen Bewegung ihr Res­cue-Messer am Gürtel zurecht.

Schnell stupste Blickle an, der noch grübelte. „Chef, die Handschellen!“
Blickle kapierte. Die Handschellen klickten. Bei wem? Und warum?

bob / Foto: bob


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