Wo die Steine wachsen

Der Unesco-Geopark Schwäbische Alb weist den Neidlinger Wasserfall als Geopoint aus – „Wertvolles Biotop“

Die Schwäbische Alb ist seit einigen Jahren von der Unesco als Geopark anerkannt. Damit sollen die geologischen Besonderheiten und das archäologische Erbe der zehn Landkreise umfassenden Region hervorgehoben werden. Mittelfristig ist geplant, an 100  Stellen der Alb sogenannte Geopoints auszuweisen, an denen landschaftlich, geologisch oder kulturhistorisch Bedeutendes näher beleuchtet wird. Kürzlich ist der Neidlinger Wasserfall als neunter Geopoint im Landkreis Esslingen ausgewiesen worden.

Der Neidlinger Wasserfall ist von der Gemeinde Neidlingen aus bequem in einem halbstündigen Spaziergang entlang der Lindach zu erreichen. Der Bach entspringt  zwei Karstquellen auf halber Höhe des Steilabfalls der Alb und stürzt schon nach wenigen Metern etwa acht Meter in die Tiefe. An diesem Wasserfall lässt sich ein besonderes Naturphänomen beobachten.

Das Kalkgebirge der Alb hat nur minimale Speicherfähigkeiten. Regenwasser  versickert ungehindert im Gestein und wäscht Spalten, Klüfte und Höhlen aus. Das Gebirge verkarstet. Dabei wird fortwährend Kalk im Wasser gelöst, das je nach Jahreszeit oder Niederschlagsmenge in unterschiedlich starker Schüttung in Gesteinsspalten am Abhang oder tiefer liegenden Quelltöpfen zu Tage tritt. Sobald das Wasser über Gesteinsstufen oder, wie in Neidlingen, aus größerer Höhe stürzt, wird es zerstäubt. Der darin transportierte Kalk wird dabei ausgeschieden und setzt sich als Kalksinter auf Moosen oder Blättern ab.

Mit der Zeit härtet der Überzug aus, die Pflanzen sterben ab, neuer Kalkstaub legt sich darüber, langsam wachsen neue Lagen aus Kalk und Pflanzen und bilden schließlich den sogenannten Kalktuff. Diese Gesteinspolster wachsen  in diesem Prozess fortwährend und verändern sowohl den Wasserfall selbst wie auch das Bachbett der Lindach kontinuierlich.

Wer dem neuen Gestein, das mancherorts am Albrand viele Meter dicke Schichten ausgebildet hat, beim Wachsen zuschauen möchte, benötigt allerdings einen langen Atem. Die Moose am Gewässerrand wachsen nur langsam, in regenarmen Jahren wird nur wenig Kalk ausgefällt, und so können Zehntausende von Jahren vergehen, bis eine mächtige Kalktuffschicht entsteht.

Mit dem Neidlinger Wasserfall hat der  Unesco-Geopark Schwäbische Alb nach den Sinterterrassen bei Gutenberg bereits den zweiten Geopoint im Landkreis ausgewiesen, der auf die Entstehung des Kalktuffs hinweist. Der Wasserfall stelle „ein besonderes Naturwunder“ dar und biete  die  seltene Gelegenheit, den Prozess der Versinterung direkt am Rand des Gewässers zu beobachten, erklärte der Vorsitzende des Geoparks und Erste Landesbeamte des Landkreises Alb-Donau, Markus Möller, bei der Enthüllung der Infotafel beim Wasserfall.  „Hier sehen wir die Besonderheit, dass Wasser zu Stein erstarrt, und gleichzeitig sind es eben nicht nur Steine, sondern ist es ein lebendiger Teil der Natur“, sagte Möller.

Und die ist auch am Neidlinger Wasserfall bedroht. „Wir haben hier auch ein wertvolles Biotop mit  bedrohten Tier- und Pflanzenarten“, stellte Iris Bohnacker, Geologin beim Geopark, klar. Besucher des Wasserfalls müssten daher darauf achten, auf den Wegen zu bleiben, um die filigranen und sehr langsam wachsenden Strukturen nicht zu zerstören.    pst / Fotos: pst

Info: www.geopark-alb.de; www.neidlingen.de


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